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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Deutschland und seine Gründer – ein gestörtes Verhältnis

  • Kommentar

Eine Reportage über die Start-up-Schmiede Rocket Internet der Samwer-Brüder sorgt für Diskussionen im Netz. Die gemeinsamen Recherchen von ZDF und Wirtschaftswoche für die am Dienstagabend ausgestrahlte Sendung namens „Die große Samwer-Show“ brachten tatsächlich neue Erkenntnisse wie die Tatsache, dass das Rocket-Unternehmen Zalando insgesamt 35 Millionen Euro staatliche Subventionen von Bund und den Ländern Berlin, Brandenburg und Thüringen erhielt.

Doch beim Umgang mit dem Phänomen Rocket Internet im ZDF zeigten sich leider auch wieder Ressentiments und ein für deutsche Medien leider verbreitetes Unverständnis für das Phänomen Start-ups und die ökonomischen Regeln der Internet-Welt.

Die Samwers sind bisher nicht durch eigene Unternehmerideen aufgefallen, sondern durch das – manche sagen dreiste – Kopieren der Ideen anderer Start-ups aus den USA. Soweit, so bekannt. Das Kopieren ging teilweise soweit, dass sogar Code-Schnipsel oder Teile von AGBs von der Konkurrenz so stümperhaft kopiert wurden, dass sogar der Name es Originals noch teilweise auftauchte. Das allerdings sind alte Geschichten – ebenso wie die umstrittene Geschäftspraxis des Klingeltonanbieters Jamba, den einst die Samwers aufgebaut hatten.

Interessanter waren da schon die angeblichen unfairen Praktiken der inzwischen geschlossenen Samwer-Start-ups in der Türkei, die von der Reportage recherchiert wurden. Ebenso interessant ist, dass es mit dem zur Schau gestellten Gutmenschentum der Rocket-Start-ups in Afrika offenbar weniger weit her ist, als Unternehmen wie Jumia behaupten. Sollten die Sachverhalte wie dargestellt zutreffen, ist Kritik daran natürlich völlig legitim.

Allgemeine Skepsis gegenüber dem Internet

Leider aber schwang in der Reportage auch das mit, was in der deutschen Gesellschaft allgemein verbreitet ist: Eine Skepsis gegenüber dem Internet und insbesondere allen, die damit auch noch Geld verdienen wollen. So muss man Rocket Internet nicht gleich allein verantwortlich machen für das Aussterben des Einzelhandelns. Eine weinende Boutiquen-Besitzerin, die von ihrer Tochter umarmt wird, rührt die Herzen der Zuschauer – doch wäre ihr Geschäft nicht von Zalando in die Enge getrieben worden, wären es andere E-Commerce-Anbieter gewesen.

Auch ist auffällig, dass die ZDF-Reporter der Leistung, funktionierende Internet-Geschäftsmodelle in Deutschland aufzubauen, keinerlei Wertschätzung entgegenbringen. Natürlich sind die Rocket-Start-ups keine eigenen Ideen. Aber eine Idee ist der kleinste und meist einfachste Teil eines funktionierenden Unternehmens. Bei Ausführung und Umsetzung der Ideen – der Execution – konnten die Samwers sogar international Anerkennung finden. Und von ihren Methoden zum schnellen Aufbau von Unternehmen haben wiederum Gründer wie Investoren gelernt. Nicht wenige Gründer gehen mit dem Label „Ex-Rocket“ sogar regelrecht bei Medien und Investoren hausieren. Und mit Project A Ventures gibt es auch einen eigene Start-up-Schmiede, die von Ex-Rocket-Mitarbeitern aufgebaut wurde.

All das fehlt in der Reportage, bei der sich schnell das Gefühl einstellt, dass die Macher von vorne herein auf Skandalisierung aus waren, statt auf eine faire und ausgewogene Berichterstattung. Dass dann auch noch Ex-StudiVZ-Mitgründer Ehssan Dariani als einer der Kronzeugen gegen die Samwers auftritt, der aber nicht mehr zu sagen hat als seine alten Vorwürfe zu wiederholen, diskreditiert für viele Insider der Start-up-Szene die gesamte Reportage. Immerhin ist seit langem bekannt, dass Dariani eine öffentliche Schlammschlacht gegen große Teile der Start-up-Szene angezettelt hat, nachdem er sich bei StudiVZ hintergangen fühlte.

Leider geradezu typisch für deutsche Medien ist das mangelnde Verständnis für die Regeln der Start-up-Welt, wenn es um den wirtschaftlichen Teil der Reportage geht. Die ZDF-Macher betonen, dass fast sämtliche Rocket-Start-ups noch große Verluste einfahren. Das aber ist weder ein Geheimnis, noch sonderlich überraschend. Die Unternehmen sind überwiegend jung und voll auf Wachstum ausgerichtet. Ihr erklärtes Ziel ist es, jetzt vor allem in Schwellenländern schnell und aggressiv Marktführer zu werden, um sich eine strategische Ausgangsposition für Jahrzehnte großer Gewinne zu sichern. Die Internet-Ökonomie mit ihren starken Skaleneffekten kommt dabei dieser Strategie zu Gute.

Unverständnis für die Start-up-Ökonomie kein Einzelfall

Die Wette ist riskant – doch so zu tun, als sei die Tatsache, dass Rocket-Start-ups heute Verluste schreiben schon der Beweis dafür, dass die Rocket-Aktie ein schlechtes Investment wird, zeugt von wenig wirtschaftlichem Sachverstand.

Leider ist die ZDF-Reportage hier kein Einzelfall. Selbst die etablierte Wirtschaftspresse in Deutschland tut sich häufig noch schwer damit, die Start-up-Ökonomie zu begreifen. Als in einem Artikel über den abflauenden Berliner Start-up-Hype in einem großen deutschen Wirtschaftsmagazin der Satz „Selbst vor Pleiten ist die Berliner Internet-Community nicht mehr gefeit“ fiel, sorgte das in Deutschlands Start-up-Szene für kollektives Kopfschütteln. Pleiten gehören zu jeder Start-up-Ökonomie dazu, ebenso wie große Verluste in der Wachstumsphase. Ohne Pleiten, Risiko und Verluste entstehen weder Googles noch Facebooks.

In der ZDF-Reportage war leider auch wieder die Art von deutscher Überskepsis deutlich zu sehen, die mit dazu beiträgt, dass allzu schnell aus Deutschland wohl auch keine Facebooks oder Googles zu erwarten sind.

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Kommentare (5 aus 19)

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    • ""Die Internet-Ökonomie mit ihren starken Skaleneffekten kommt dabei dieser Strategie zu Gute."" Dieser Artikel ist genau in die andere Richtung mit Plattitüden gespickt wie die Reportage. Geschäftsmodelle überholen sich im Netz so schnell wie sie kommen. Wenn Rocket ein Projekt in 3 Monaten hochzieht, wird das in eine paar Monaten jeder können. Dann hat sich das mit dem Skaleneffekt für die Investoren erledigt. Gewinnen wird im Netz schon lange nicht mehr der Beste, sonder der mit dem meisten Investorengeld. Die SB sind im Moment die Benchmark im Netz und machen halt vieles richtig. Aber ein Abo auf Gewinn sehe ich da nicht. Schaut doch mal auf den Kampf der uns bei Google und Amazon bevorsteht. Auch bei Apple schlafen die nicht, die haben das weltweit größte Bezahlsystem und machen Milliardenumsätze (und komischerweise auch Gewinne). Bei den Online Geschäftsmodellen fallen die Margen und der Aufwand oben zu bleiben steigt und steigt. Das ist jetzt kein Gejammer, aber es ist weder wie in der Reportage alles falsch, noch wie im obrigen Bericht einfach alles auf Sieg zu setzen. Sowieso, von einer Start-up-Ökonomie zu sprechen finde ich ja schon witzig.

    • Ich teile die Kritik an der Frontal21 Sendung und haben mich über die oberflächliche Reportage wirklich geärgert. Das Wissen über die Internet-Branche generell und die Praktiken der Venture Capital Firmen im Speziellen ist bei den Redakteuren der Sendung wohl nicht sonderlich ausgeprägt. Gut recherchierter Journalismus sieht anders aus. Vom ZDF hätte man das auch nicht unbedingt erwartet aber dass die Wirtschaftswoche - die ich eigentlich als stets kompetentes und gut informiertes Wirtschaftsmagazin kenne - mit von der Partie ist und so etwas abliefert hat mich dann doch sehr verwundert. Oliver Samwer konnte einem aufgrund der wirklich teilweise dummen Fragen schon fast Leid tun. Venture Capital Fonds sind nun einmal zum Großteil im steuerbegünstigten Luxemburg angesiedelt und nicht in Berlin, egal ob Sie von den Samwers oder von einem zig beliebigen anderen deutschen oder europäischen Venture Capital Unternehmen stammen. Die Skandalisierungsnummer über Steuern passt eben zum kollektiven deutschen Empörwahn und Nörglertum und wurde von den Redakteuren passend bedient. Genauso wie das Thema Steuersubventionen welches ja auch zu Genüge ausgebreitet wurde. Da stellt sich mir schon die Frage für was Subventionen zur Förderung strukturschwacher Regionen denn sonst gedacht sind wenn nicht zur Ansiedelung von Unternehmen die dann dort Arbeitsplätze schaffen? Ob der Subventionsempfänger dann Daimler, BMW, AMD oder Zalando heißt ist doch völlig irrelevant. Was mir in der Reportage auch völlig gefehlt hat ist die Bedeutung von Risikokapital für die Internet Branche und ein Blick über den Tellerrand hinaus. Wie sieht es in anderen europäischen Ländern aus, warum gibt es Venture Capital und wer sind denn die großen Konkurrenten und Player in diesem Bereich? Da fordern die deutschen Politiker sinnig die Schaffung einer europäischen Suchmaschine um die Vormachtstellung Googles zu durchbrechen und gleichzeitig sind wir in Deutschland immer noch meilenweit hinterher. US-Konzerne dominieren die Internet-Welt, Deutschland sollte doch froh sein dass es wenigstens ein Unternehmen gibt das dort mithalten kann und Arbeitsplätze schafft. Wenn es die Samwers nicht machen dann macht es ein anderer.

    • Zum Ansehen von Gründern:
      Medien wie DS und Gründerszene sollten überlegen, was sie hieran ändern können.

      Vielleicht würde es schon ein wenig helfen weniger über die Großmäuler der Szene zu berichten und mehr über junge Unternehmen zu berichten, die nicht das nächste Facebook werden wollen, sondern ihr Unternehmen aus eigenen Mitteln aufbauen.

      Häme und Spott gibt es vor allem, wenn wagemutige Ankündigungen gemacht werden und diese nicht eingehalten werden oder wenn viel fremdes Kapital verbrannt wird. Da ist Kritik dann auch berechtigt.

      Zum Ansehen von Unternehmern generell:
      Es gibt Unternehmen, die sich gegenüber der Konkurrenz aufgrund innovativer (meist technischer) Ansätze einen wirtschaftlichen Vorteil erarbeiten können und so gute Arbeitsplätze schaffen.
      Auf der anderen Seiten gibt es Unternehmen, die nur durch Ausbeutung der eigenen Mitarbeiter am Markt bestehen.
      Meines Erachtens differenzieren die Leute da schon ganz gut. Es gibt natürlich immer einzelne Gegenbeispiele.

    • Mit Kritiken ist das immer so eine Sache, vor allem wenn der Kritiker kritisiert, dass die Sendung im Grunde nicht für ihn gemacht wurde. Der überwiegenden Mehrheit der politisch interessierten Menschen in Deutschland, eben der Zielgruppe dieser Sendung, waren die Samwers bisher nicht besonders bekannt. Für sie dürfte diese Sendung doch sehr informativ gewesen sein.
      Natürlich war spürbar, dass die Macher dieser Sendung ihre Sicht der Dinge transportierten, aber ist das in solchen Fällen nicht immer so und auch ganz selbstverständlich - denn sie halten sie aus Überzeugung für richtig!
      Nach den Allgemeinplätzen jetzt noch ein wenig "Meinung":
      In Summe fand ich diese Reportage in jeder Hinsicht deutlich besser - sorry - als die Kritik von Herrn Herrn Dörner!
      Ich lehne Geschäftsgebaren der gezeigten Art ab. Niemals würde ich mit so jemandem Geschäfte machen - solange ich es mir aussuchen kann. Das Bild des ehrbaren Kaufmanns, auf dessen Handschlag man sich verlassen kann, mag antiquiert sein, aber es wird noch eine ganze Weile mein Leitbild sein. Und das hat nichts mit Old oder New Economy zu tun - diese Unterscheidung ist für mich nur ein billiger Trick zu Rechtfertigung von soziopathischen Verhaltensweisen.

    • Hallo Herr Dörner,

      ich habe die Reportage ganz anders verstanden. Meines Erachtens geht es nicht darum, dass man im Internet und auch sonst schnell Geld verdient. Es geht vielmehr um die Moral, bzw. das "Wie" dabei. Und wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was die werten Kollegen herausbekommen haben, dann war es richtig, zu berichten! Ich empfehle ergänzend einige Artikel zu "Psychopathen im Management", wenn ich "mit Blut" geschriebene Mails lese, in der der Schreiber lieber "stirbt als zu verlieren". Wo sind wir denn?

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