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Fünf Gründe, warum Deutschland nicht twittert

Infografik: Tweet-Nations - Anteil der Onliner, die Twitter.com nutzen | Statista

Quelle: Statista

Nach einer Analyse von PeerReach von Ende 2013 gibt es nur 540.000 aktive Twitter-Nutzer in Deutschland, Auch die in der ARD/ZDF-Online-Studie genannte Zahl von einer Million deutscher Nutzer, die zumindest „gelegentlich“ Twitter nutzt fällt im Ländervergleich angesichts von rund 80 Millionen Einwohnern, von denen rund 77 Prozent über 14 Jahren das Internet nutzen, eher nüchtern aus.

WSJ Tech hat fünf Gründe gesammelt, warum Twitter in Deutschland einfach nicht abheben will – natürlich ganz subjektiv.

1. Die Kultur

In den USA oder Großbritannien gehört die öffentlich zur Schau getragene Meinung zur gelebten Demokratie: Der unterstützte Präsidentschaftskandidat findet da in Form eines Wahlplakats nicht selten auch mal im Vorgarten Platz – in Deutschland undenkbar. Dementsprechend hält man sich in Deutschland auch mit öffentlichen Meinungsbekundungen online zurück. Twitter aber ist nicht nur ein Meinungsmedium, es ist vor allem schon vom Prinzip her öffentlich. Facebook ist da anders, da Nutzer dort jeweils einstellen können, wen eine Nachricht erreichen soll. Zudem sind Tweets über Websuchmaschinen wie Google auffindbar, Facebook-Einträge in der Regel nicht. Es ist kein Geheimnis, dass Deutsche im internationalen Vergleich besonders auf ihre Privatsphäre achten.

2. Die Sprache

Es gibt einen eigenen Twitter-Account, der sich unter anderem über die komplizierten Eigenheiten der deutschen Sprache lustig macht: @NeinQuarterly. Für den 140-Zeichen-Dienst Twitter ist Deutsch allerdings alles andere als geeignet. Was man über das Verhältnis zwischen deutscher Sprache und Twitter wissen muss, hat im Grunde bereits Mark Twain in seinem Bummel durch Europa geschrieben:

Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung ist eine erhabene, eindrucksvolle Kuriosität; er nimmt ein Viertel einer Spalte ein; er enthält sämtliche zehn Wortarten – nicht in ordentlicher Reihenfolge, sondern durcheinander; er besteht hauptsächlich aus zusammengesetzten Wörtern, die der Verfasser an Ort und Stelle gebildet hat, sodass sie in keinem Wörterbuch zu finden sind – sechs oder sieben Wörter zu einem zusammengepackt, und zwar ohne Gelenk und Naht, das heißt: ohne Bindestriche; er behandelt vierzehn oder fünfzehn verschiedene Themen, von denen jedes in seine eigene Parenthese eingeschlossen ist, und jeweils drei oder vier dieser Parenthesen werden hier und dort durch eine zusätzliche Parenthese abermals eingeschlossen, sodass Pferche innerhalb von Pferchen entstehen; schließlich werden alle diese Parenthesen und Überparenthesen in einer Hauptparenthese zusammengefasst, die in der ersten Zeile des majestätischen Satzes anfängt und in der Mitte seiner letzten Zeile aufhört –und danach kommt das Verb, und man erfährt zum ersten Mal, wovon die ganze Zeit die Rede war; und nach dem Verb hängt der Verfasser noch „haben sind gewesen gehabt haben geworden sein“ oder etwas dergleichen an – rein zur Verzierung, soweit ich das ergründen konnte –, und das Monument ist fertig.

3. Allgemeine Technik-Skepsis

Neue Produkte haben es bei deutschen Konsumenten generell schwer. Viele Start-ups aus Deutschland versuchen sich inzwischen schon gar nicht mehr auf den deutschen Markt zu konzentrieren, denn deutsche Konsumenten gelten nicht als experimentierfreudig. Warum sollte man noch Twitter nutzen, wenn es schon Facebook gibt? Das scheint eine verbreitete Einstellung zu sein.

4. Zugkräftige Promis fehlen

Hans Sarpei oder Claus Kleber sind Ausnahmen. Während in den USA Prominente wie Ashton Kutscher, Rihanna oder Paris Hilton entscheidend dazu beigetragen haben, Twitter zum Massenmedium zu machen, bleibt der Dienst in Deutschland eine Sphäre von Techies und Medienmachern. Promis konzentrieren sich hierzulande eher auf Facebook, um mit ihren Fans zu kommunizieren.

5. Twitter ist in Deutschland schwach aufgestellt

Auch als Unternehmen ist Twitter in Deutschland schwach aufgestellt. Im neuen Berliner Büro arbeiten gerade einmal sechs Festangestellte. Und erst mit dem Wechsel von Google-Manager Thomas de Buhr zu Twitter ab August wird das Unternehmen erstmals einen offiziellen Deutschland-Chef haben.

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Kommentare (5 aus 19)

Alle Kommentare »
    • Sein eigenes Konto wird auch daernt gesperrt,was eine wirklich frustriert.Ich verstehe das nicht was das ganze soll.Wer mehr weiß Bitte...

    • [...] Fünf Gründe, warum Deutschland nicht twittert [...]

    • [...] twittern. Für das BKK hat sich zudem als Vorteil erwiesen, dass Twitter in Deutschland noch als Nischenplattform gilt, die weniger Menschen nutzen als [...]

    • [...] kurzer, kompakter Beitrag, der auf größere Aufmerksamkeit im Social Web stieß: „5 Gründe, warum Deutschland nicht twittert“, titelte Autor Stephan Dörner seinen Meinungsartikel. Auch wenn die von ihm erwähnten [...]

    • [...] Journal ein kurzer, kompakter Beitrag, der auf größere Aufmerksamkeit im Social Web stieß: „5 Gründe, warum Deutschland nicht twittert“, titelte Autor Stephan Dörner seinen Meinungsartikel. Auch wenn die von ihm erwähnten [...]

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