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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Foursquare-Nutzer protestieren gegen Swarm-Zwang

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Bei Foursquare-Nutzern unbeliebt: Swarm.

Nutzer des größten ortsbasierten sozialen Netzwerks der Welt lassen derzeit in den sozialen Netzwerken kein gutes Haar an Foursquare. Die Community wirft dem Anbieter vor,  dass der Dienst den Nutzern eine zweite App namens Swarm aufzwinge.

Foursquare war eines der ersten Start-ups, das Social Media mit Smartphones verbunden hatte. Nutzer des Services können Freunden anzeigen, in welcher Bar oder welchem Restaurant sie sich gerade aufhalten. Foursquare sammelt dabei riesige Datenmengen über das Bewegungsverhalten und die Interessen der Nutzer. Das Unternehmen hofft, die Daten für den Verkauf von Werbung nutzen zu können.

Jahrelang konnten sich Nutzer über die Hauptanwendung an bestimmten Orten „einchecken“ – Anfang Mai folgte dann ein krasser Bruch: Seitdem leitet die Haupt-App auf die neue App Swarm um, wenn sich Nutzer an einem Ort anmelden wollen. Bestimmte Funktionen wie beispielsweise Tipps zu einem Ort wie Restaurants sind aber nach wie vor nur in der klassischen Foursquare-App zu finden. Einher geht die Aufspaltung auch mit einigen Änderungen beim Konzept. Wurden zuvor Nutzer, die sich besonders häufig an bestimmten Orten eingeloggt haben, zum „Mayor“ des Ortes ernannt – übersetzt Bürgermeister – wird dieser Titel nun nur noch für den eigenen Freundeskreis vergeben und ist somit deutlich leichter zu erreichen – aber auch weniger wert.

Inzwischen braut sich ein immer stärkerer Nutzerprotest gegen die Änderung zusammen. Wer bei Twitter nach den Begriffen „Swarm“ und „Foursquare“ sucht, findet zahlreiche Unmutsäußerungen über die Änderung. Und egal, was Foursquare auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht – die Nutzer beschweren sich massenhaft über Swarm und fordern, den Schritt rückgängig zu machen. In einer von Nutzern initiierten nicht repräsentativen Online-Umfrage sprechen sich mehr als 90 Prozent der Foursquare-User gegen die Änderung aus. Bei bisher in Apples App Store abgegeben Bewertungen hat die Swarm-App im Schnitt zwei von möglichen fünf Sternen erhalten.

Tech-Journalist Michael Kroker von der Wirtschaftswoche – intensiver Foursquare-Nutzer seit Anfang 2011 – heizte den Protest am Montag weiter an, indem er öffentlichkeitswirksam seinen Abschied aus dem standortbezogenen Netzwerk verkündete. „Selbstmord geglückt: Tschüss, Foursquare! Es war schön mit Dir, aber…“ lautet der Titel seines Beitrags im Wiwo.de-Blog. „Seit der Zweispaltung […] erschließt sich mir der Sinn überhaupt nicht mehr“, schreibt Kroker.

Das sehen auch viele andere Fans des Dienstes so, die das bisherige Prinzip Einfachheit schätzten. Nutzer Ryan Campbell beispielsweise schreibt auf Twitter: „Foursquare ist jetzt offiziell zu kompliziert.“ „Jedes Mal, wenn ich Swarm öffne, um einen Check-In zu praktizieren, begleitet mich das seltsame Gefühl, dass dieser Prozess in die originale Anwendung gehört und aus dieser unnötigerweise herausgerissen wurde“, schrieb auch schon Tech-Blogger Martin Weigert Anfang des Monats.

Foursquare versucht bereits seit längerem, seine hohe Bewertung bei Wagniskapital-Investoren zu rechtfertigen. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im April 2013 sammelte der Dienst 41 Millionen US-Dollar ein – die Bewertung wurde dabei nicht öffentlich gemacht. Laut Branchenexperten wird das Unternehmen aber mit rund 600 Millionen Dollar bewertet – trotz nach wie vor sehr geringer Umsätze vor allem mit der Vermittlung von Gutscheinen.

Die Aufteilung in zwei Apps sollte dem Dienst mehr Schärfe verleihen. Derzeit führt die Änderung vor allem zu scharfem Protest.

Update vom 25. Juni 2014:

Brendan Lewis, Kommunikationschef von Foursquare, hat sich gegenüber WSJ Tech zu den Protesten geäußert. Die App habe traditionell immer zwei Zwecke erfüllt: Mit Freunden in Kontakt zu bleiben und sich mit ihnen zu treffen einerseits und interessante Orte zu entdecken andererseits. “Nachdem wir sehr viel Zeit damit verbracht haben mit Leuten darüber zu sprechen, wie sie Foursquare nutzen und nach einer internen Analyse haben wir herausgefunden, dass sie die App fast immer nur für einen der beiden Anwendungsfälle nutzen”, teilte Lewis in einer E-Mail mit.

“Wir haben außerdem sehr häufig die Rückmeldung bekommen, dass einige Elemente wie Mayors, Punkte und Badges mit dem Wachstum von Foursquare weniger attraktiv wurden. Das ist der Grund, warum wir uns letztlich dazu entschieden haben, die beiden Kernanwendungen zu entflechten und in zwei separate Apps aufzuteilen, um das Anwendungserlebnis für beide Fälle zu vereinfachen: Swarm (vor einigen Wochen veröffentlicht) und Foursquare (was noch in diesem Sommer erscheinen soll).” Foursquare verstehe, aber, dass “Veränderungen wirklich hart sein können” und ermutige jeden, der sich beschweren wolle, sich direkt an Foursquare zu richten.

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Kommentare (2 aus 2)

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    • [...] wie die Bürgermeister-Position oder das Sammeln von Abzeichen, in den Hintergrund treten, erklärte Foursquare kürzlich mit schwindendem Nutzerinteresse. Das mag man so glauben oder ganz nüchtern [...]

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