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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

GMX und Web.de starten Angstkampagne gegen Werbeblocker

Screenshot Web.de

Als „Scareware“ wird Software bezeichnet, die Computernutzer verschrecken und damit zu bestimmten Handlungen bringen sollen. Das Prinzip haben Banner im Internet übernommen, die beispielsweise vor angeblich gefährlichen Viren auf dem PC eines Nutzern warnen, den dieser nun dringend vom PC entfernen müsse – in der Regel gegen Download einer kostenpflichtigen Software.

Derartige digitale Erpressung ist ein Ärgernis, findet sich in der Regel allerdings nur in halbseidenen Bereichen des Internets, in denen die meisten Nutzer derart marktschreierischere Warnungen einzuordnen wissen.

Nun aber nutzen GMX und Web.de – die beiden E-Mail-Portale des deutschen Unternehmens United Internet – dasselbe Prinzip. Ziel ist dabei nicht der Verkauf kostenpflichtiger Software, sondern den Nutzer dazu zu bringen, seinen Werbeblocker aus dem Browser zu entfernen – immerhin leben Web.de und GMX auch vom Online-Werbegeschäft. Im Stile einer Mitteilung des jeweiligen Browsers – beispielsweise Chrome oder Firefox – wird gewarnt: „Die Sicherheit ihres [sic!] Rechners wird durch ein Chrome Add-on eingeschränkt.“ Zuerst berichtete Fefes Blog über den Fall.

Wer dann auf „Sicherheit wieder herstellen [sic!]“ oder „Weitere Informationen“ klickt, gelangt auf die von der United-Internet-Tochter 1 & 1 Internet AG betriebenen Webseite browsersicherheit.info, die erklärt, wie der Nutzer die angebliche Schadsoftware wieder loswird.

1 & 1 will “Sicherheitshinweis” überarbeiten

Darauf angesprochen gibt sich die 1 & 1 Internet AG teilweise einsichtig: „Wir werden den Topper mit dem Sicherheitshinweis überarbeiten. In Kürze werden GMX und Web.de als Absender genannt, damit klar ist, wer Initiator des Warnhinweises ist“, teilte Pressesprecher Jörg Fries-Lammers auf Anfrage mit.

Die Warnhinweise an sich sieht der Sprecher aber als gerechtfertigt an. „Wir verstehen die Warnmeldungen als Beitrag für mehr Sicherheit im Netz, denn insbesondere die Software auf den Endgeräten der Nutzer ist häufig ein Einfallstor für Angriffe.“ Dabei verweist der Sprecher auf einen aktuellen Fall in den USA, bei denen Hersteller sogenannte Adware-Chrome-Erweiterungen aufgekauft haben, um den Nutzern dieser Add-ons dann unerwünschte Werbung zu senden.

Bei diesen Erweiterungen handelte es sich allerdings nicht um Adblocker. In der „Liste von bekannten seitenmanipulierenden Add-ons“ mischt 1 & 1 nun fröhlich die kaum verbreiteten Erweiterungen wie FastestFox, die unerwünschte Werbung einblenden, mit Erweiterungen wie Adblock und Adblock Plus, die Werbung – vom Nutzer gewünscht – ausfiltern. Die Add-ons werden dabei mit dem Hinweis „Filtert Seiteninhalte“ versehen, ohne zu erwähnen, dass es sich bei diesen Seiteninhalten ausschließlich um die vom Nutzer unerwünschte Werbung auf Webseiten handelt.

Tatsächlich dürfte der Einsatz eines Werbeblockers die Sicherheit beim Surfen sogar eher erhöhen – immerhin sind Werbenetzwerke ein zunehmend beliebtes Einfallstor von Hackern, die Online-Werbung dazu nutzen, Schadsoftware zu verbreiten. Zuletzt manipulierten Hacker die Werbung der Google-Tochter Doubleclick so, dass über Youtube-Anzeigen Schadsoftware ausgeliefert wurde.

Richtig ist allerdings auch, dass dem Anbieter von Browsererweiterungen vertraut werden muss. Nach allem, was bekannt ist, stellen Werbeblocker wie Adblock und Adblock Plus allerdings keine Sicherheitsgefahr für PC-Nutzer dar. Weil der Quellcode von Abdlock und Adblock Plus aber offenliegt, können Experten überprüfen, was diese genau tut.

Update 12:39 Uhr: Inzwischen lautet die Warnung “Die Sicherheit der Seite wird durch ein Chrome Add-on eingeschränkt.” Vorangestellt ist dabei jeweils “WEB.DE:” beziehungsweise “GMX:”.

Update vom 3.3.2014: Am vergangenen Samstag stellte 1 & 1 die Kampagne nach massiver Kritik wieder ein.

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Kommentare (5 aus 5)

Alle Kommentare »
    • Da haben sich die beiden dann wohl selbst ins Knie geschossen mit dieser Masche. GMX und Web.de werden ab sofort gemieden und jedem den ich kenne werde ich das Gleiche raten.

    • Die Anbieter der Adblocker reagieren bereits:

      https://adblockplus.org/de/subscriptions

      Nach unten scrollen bis zu "Adblock Warning Removal List" und einbinden. Fertig. Schon ist man verschont von der nervigen Werbung gegen Adblocker. Die Liste arbeitet auch mit Adblock Edge und anderen.

      Bitdefender hat ebenfalls bereits reagiert. Die Seite der Kampagne in der die Deinstallation in den Browsern beschrieben wird, ist bereits als Malware gesperrt.

      Andere Anti-Viren Angebote werden sicher bald folgen ;)

    • Na, mal ganz was Neues... Ich setzte mit Erfolg die genannten Werbeblocker ein. Und gerade auf dem Smartphone sparen sie bares Geld, da die Werbung - ausser das sie nervt - auch noch Geld in Form von verbrauchtem Transfervolumen kostet. Und ich sehe nicht ein, dass ich die Werbung auch noch mit meinen Euros finanzieren soll. Und die Tatsache, dass man nicht alles im Internet ungeprüft glauben soll, bewahrheitet sich mal wieder. Doch die Art und Weise ist schon als dreist zu bezeichnen, vor allem zu Zeiten, wo NSA und das Geheule um Datenschutz ungekannte Ausmasse annehmen.
      Aber jeder User ist seiner Sicherheit Schmied, und daher kann ich den Einsatz von Werbeblockern nur empfehlen. Ich habe nichts gegen sparsam eingesetzte Werbung - wohlgemerkt "sparsam".

    • Viel fadenscheiniger könnten sie es kaum anstellen, dass GMX und Co. hierbei nicht die Sicherheit der User am Herzen liegt, sondern deren Geldbeutel...
      Natürlich schmälern Adblocker deren Gewinn, aber heutige Werbung kostet nicht nur immense Ladezeit durch Filmchen, Flash und Animation, sondern vor allem Nerven.
      Das Sicherheitsargument, dass Ads durchaus auch mit Malware infiziert sein könnten, muss jedoch genausogut für die Adblocker selbst gelten. Je nachdem, welcher benutzt wird, auch dieser eine Einladung auf den heimischen Rechner sein. Datenschutz der besuchten bzw. gesperrten Links wäre da noch so eine Geschichte.
      Auf lange Sicht erwarte ich jedoch, dass die Wirtschaft Adblockern früher oder später einen Riegel vorschiebt (evtl. durch Druck auf die Regierungen und damit die Rechtsprechung). Die Gier der Konzerne wird dafür sorgen.

    • Worum es der Internet United, GMX und Web.de geht? Nicht um Sicherheit sondern um Geldmacherei! Hier wird gelogen um den Usern zu erzählen das Werbeblocker riskant seien was natürlich Unsinn ist. Defakto gehts nur ums Geld. Strafrechtliche Schritte gegen die o.a. Firmen dürften bald folgen. Ich habe alle deren Seiten sperren lassen und kann nur jeden abraten die "Ratschläge" dieser "Firmen" zu befolgen!

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