WSJ Blogs

Real-time commentary and analysis from The Wall Street Journal
WSJ Tech
Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Brief an deutsche Gründer: Euer größter Fehler ist die Finanzierung

Neil Rimer  ist Mitgründer und Partner bei Index Ventures, einem Wagniskapitalunternehmen aus Genf mit Büros in London, Jersey und San Francisco. Das Unternehmen hat in zahlreiche Tech-Startups investiert – darunter Facebook, Skype, Path, Supercell und Soundcloud. In einem offenen Brief richtet sich Rimer an deutsche Gründer, bei denen er schwerwiegende Fehler erkannt haben will. Ein Gastbeitrag.

Mit dem Erwachsenwerden der europäischen Startup-Szene würde man erwarten, dass junge Gründer Zugang zu Mentoren, Managern, erfahrenen Unternehmern, juristischen Beratern und Investoren hätten. Doch zu unserem Überraschen treffen wir weiterhin auf Gründer, die in frühen Finanzierungsrunden schwerwiegende Fehler gemacht haben, die letztendlich die Grundlagen ihrer Unternehmen gefährden und vermutlich mit ihrem Instinkt unvereinbar sind.

Index Ventures
Neil Rimer, Partner bei Index Ventures

Eine erschreckende Zahl deutscher Startups weisen Eigentumsstrukturen auf, die eine Venture-Finanzierung schwierig gestalten. Häufig haben die Gründer zu viele Anteile an ihre ersten Investoren abgegeben – in der Regel Business Angels und Family Offices, die nur begrenzt Erfahrung mit schnell wachsenden Startups und dem Venture-Capital-Finanzierungsmodell haben.

In den meisten Fällen haben diese Startups keinen offiziellen Optionspool, obwohl viele entweder formelle oder informelle Versprechungen eingehen, Eigenkapitalbeteiligungen zu einem späteren Zeitpunkt zu gewähren. Darüber hinaus werden die Entscheidungsgremien dieser Firmen zumeist von denselben Investoren dominiert, die zu viele Anteile am Unternehmen besitzen und deren Rat daher im besten Fall nur bedingt vorteilhaft und im schlimmsten Fall eigennützig ist.

Es ist nicht ungewöhnlich für uns auf ein zwölf Monate altes Startup zu treffen, dessen Produkt-Release noch aussteht und an dem Angel-Investoren bereits über 60 Prozent des Unternehmens halten, die drei Gründer zusammen 40 Prozent und kein formeller Optionspool existiert. Während die Firma von der Produkt-, Markt- und Team-Perspektive her interessant sein mag wissen wir, dass wir vor großen Herausforderungen bei der Strukturierung einer Investition stehen. Deren Resultat sollte ein Unternehmen mit einer gesunden Kapitalstruktur sein, welche es dem Startup ermöglicht zu wachsen, hervorragende Mitarbeiter anzuziehen und langfristig zu binden, sowie zukünftige Finanzierungsrunden durchzuführen ohne Zeit und Energie darauf verwenden zu müssen die Interessen der verschiedenen Akteure in Einklang zu bringen.

Zwar folgen wir keinen fixen Richtlinien bei einer Serie-A Investition, jedoch streben wir einen Anteil von rund 20 Prozent nach Durchführung der Transaktion an, unter Einbeziehung aller Wandlungs- und Optionsrechte. Da sich das Kernteam des Startups zu diesem Zeitpunkt noch im Aufbau befindet, halten wir darüber hinaus einen Optionspool von 15 bis 25 Prozent für notwendig. Nur so können die Gründer und das Management ihre Anteile im Verlauf von zukünftigen Finanzierungsrunden auf einem sinnvollen Level halten. Angel-Investoren und Friends und Family, die das notwendige Kapital zur Verfügung gestellt haben, um der Firma aus den Startlöchern zu helfen, steht eine angemessene Beteiligung am Unternehmen zu – aber 60 Prozent (oder auch nur 40 Prozent) stehen außer Frage, sonst geht die Rechnung nicht auf. Im Falle einer solchen Struktur sollten bei jedem Gründer die Alarmglocken läuten.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Serie-A-Investor nach der Finanzierungsrunde 20 Prozent besitzt, es einen Optionspool von 20 Prozent gibt und die Gründer samt Management 40 Prozent am Unternehmen halten, so bleiben 20 Prozent für die Frühinvestoren. Wenn ein Startup eine große Serie-A-Finanzierung durchführt, an der gegebenenfalls zwei oder drei Venture-Fonds ein Syndikat bilden, kann das im Rahmen der Runde zugeteilte Eigenkapital bis zu 40 Prozent betragen. Da der Optionspool inkompressibel ist und die Beteiligung der Gründer und des Managements auf einem sinnvollen Level gehalten werden muss, ist der den frühen Investoren zuteilbare Anteil entsprechend geringer.

Wenn Angel-Investoren an weiteren Finanzierungsrunden partizipieren dürfen

Umso komplizierter wird es, wenn Angel-Investoren das Recht haben an zukünftigen Finanzierungsrunden zu partizipieren, um sich gegen die Verwässerung ihrer Anteile zu schützen. Machen sie von diesem Recht Gebrauch, geht die Gleichung grundsätzlich nicht auf, und die Unternehmer laufen Gefahr, sich im Rahmen einer Finanzierung durch einen Venture-Investor in endlosen Sitzungen mit ihren Angel-Investoren zu verstricken. Stets in der Hoffnung einen Kompromiss zu finden, der es ihnen erlaubt, die Eigentümerstruktur anzupassen. Um letzteres zu erreichen, könnten die Business-Angels ihre Anteile vollständig oder teilweise an den neuen Investor veräußern. Es ist jedoch wenig zielführend, wenn der Großteil einer Venture-Finanzierung dem Auskaufen existenter Investoren dient, wird doch das Geld dringend zum Aufbau des Startups benötigt.

Natürlich liegt die Schuld an solch „windschiefen“ Strukturen nicht allein bei den Angel-Investoren. Zu einem gewissen Grad tragen die Gründer Mitschuld, da sie entweder zu viel Kapital eingesammelt oder ihre Anteile verschenkt haben, ohne die Auswirkungen auf spätere Kapitalerhöhungen zu berücksichtigen. In vielen Fällen gehen Gründer bei Finanzierungsrunden mit einer gewissen Naivität vor – insbesondere wenn es ihr erstes Unternehmen ist. Dies kann man ihnen nur bedingt vorwerfen, jedoch lässt dies Rückschlüsse auf ihr Urteilsvermögen und ihre Prioritäten zu – hätten sie doch anstelle eines schnellen, unüberlegten Deals einen erfahrenen Ratgeber hinzuziehen können.

Unsere Empfehlung an (zukünftige) Unternehmer lautet entsprechend: macht euch ausreichend Gedanken zur ersten Finanzierungsrunde. Wie viel Geld wird wirklich benötigt, wer sollten die Kapitalgeber sein, und wie viele Anteile stehen ihnen zu? Wer die ersten 10.000 Euro zur Verfügung stellt sollte hierfür angemessen belohnt werden. Gleichzeitig dürfen Entscheidung über Folgefinanzierungen dadurch nicht behindert werden. Diese Ratschläge aus dem Munde eines Venture Investors mit Fokus auf Serie-A-Investitionen in Deutschland zu hören mag den Eindruck erwecken, man verfolge eigennützige Ziele. Das Gegenteil ist der Fall – wir sind der festen Überzeugung, dass diese Empfehlungen ganz im Sinne der Gründer sind und sich mit den Ratschlägen erfahrener Unternehmer aus dem Silicon Valley oder anderswo decken.

So wenig Seed-Kapital wie möglich

Außerdem raten wir Gründern so wenig Seed-Kapital wie möglich aufzunehmen – gerade genug, um das Konzept zu validieren und darauf aufbauend eine weitere Finanzierungsrunde durchzuführen. Business Angels sollten mit Bedacht ausgewählt werden, auch in Hinblick wie kooperativ sie sich im Rahmen zukünftiger Kapitalerhöhungen verhalten werden. Auch halten wir es für wenig sinnvoll ein Dutzend oder mehr Business Angels zu involvieren, wenn man das Kapital auch von einer Handvoll relevanter Investoren aufnehmen kann. Letztere auf dem Laufenden zu halten und deren Zustimmung zu zukünftigen Finanzierungen einzusammeln sollte weder zu viel Zeit der Unternehmer noch deren Anwälte beanspruchen.

Des Weiteren sind unserer Meinung nach strategische Investoren oder deren Venture-Capital-Gesellschaften für Seed-Finanzierungen nicht uneingeschränkt geeignet. Ausgewachsenen Firmen ist das Frühphasen-Konzept häufig fremd und aufgrund der relativen Größe des Investments läuft das Startup Gefahr innerhalb eines Konzerns in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten. Diese Partner können in den Bereichen Distribution und Einkauf Wert stiften, und natürlich Kundem des Startups werden. Zu einem späteren Zeitpunkt kann es sinnvoll sein, einen oder gar mehrere strategische Partner als Investoren oder Exit-Kandidaten in Betracht zu ziehen. Bis dahin sollte man sich jedoch alle Optionen offen halten und versuchen, mit allen Interessenten im Gespräch zu bleiben.


Kommentar abgeben

Wir begrüßen gut durchdachte Kommentare von Lesern. Bitte beachten Sie unsere Richtlinien.

Kommentare (5 aus 17)

Alle Kommentare »
    • Wow! Thank you! I continually needed to write on my blog something like that. Can I take a fragment of your post to my website?

      http://alienspaceshipworlds.blogspot.co.uk/

    • Ich bin ein privater Kreditgeber und ich bieten alle Arten von Darlehen Dienstleistungen. gesicherte und ungesicherte Kredite an Privatpersonen und Unternehmen zu einem sehr niedrigen Zinssatz von nur 3%. Wir nehmen jede mögliche Dauer und Sie können unabhängig von Ihrem Status qualifizieren. Kontaktieren Sie uns heute für die richtige Lösung für Ihre finanziellen Bedürfnisse.
      Kontakt E-Mail: ruize7815@gmail.com

    • Ich bin ein privater Kreditgeber und ich bieten alle Arten von Darlehen Dienstleistungen. gesicherte und ungesicherte Kredite an Privatpersonen und Unternehmen zu einem sehr niedrigen Zinssatz von nur 3%. Wir nehmen jede mögliche Dauer und Sie können unabhängig von Ihrem Status qualifizieren. Kontaktieren Sie uns heute für die richtige Lösung für Ihre finanziellen Bedürfnisse.

      Kontaktieren Sie uns jetzt an ruize7815@gmail.com

    • [...] Neil Rimer vonIndex Ventures einen Grund, der ihn manchmal an Investments in Deutschland hindert: Die Gründer hätten schon zu viele Anteile des Unternehmens an sehr frühe Investoren wie Familie o.... Was für Erfahrungen haben Sie mit diesem Phänomen [...]

    • [...] Neil Rimer von Index Ventures einen Grund, der ihn manchmal an Investments in Deutschland hindert: Die Gründer hätten schon zu viele Anteile des Unternehmens an sehr frühe Investoren wie Familie o.... Was für Erfahrungen haben Sie mit diesem Phänomen [...]

Über WSJ Tech

  • Apps, Crowdfunding, Cloud Computing – neue Technologien werfen die Regeln der Weltwirtschaft um. WSJ Tech erklärt technologische Trends, stellt interessante Entwicklungen vor und analysiert die wichtigsten Trends der IT-Wirtschaft.

    Die Autoren:

    Stephan DörnerStephan Dörner
    Jörgen CamrathJörgen Camrath
    Archibald PreuschatArchibald Preuschat