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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Der unsinnige Traum vom „deutschen Google”

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AFP

Die beiden führenden Innenexperten von SPD und Union – Dieter Wiefelspütz (SPD ) und Hans-Peter Uhl (CSU) – sind sich in einem einig: Nach der Aufdeckung der NSA-Abhöraffäre Prism fordern sie ein „deutsches Google“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

“Damit die Kommunikation unseres Staates und unserer Unternehmen kein amerikanischer und erst recht kein chinesischer oder russischer Dienst mitlesen kann, müssen wir unsere eigene Kommunikationstechnik aufbauen”, sagte Uhl. ”Wenn Washington die Marktmacht amerikanischer Unternehmen in der Internetbranche missbraucht, dann müssen wir angemessene Alternativen schaffen“, sekundierte Wiefelspütz. Auch der frisch gewählte neue Präsident des Bundesverbandes der Digitalen Wirtschaft (BVDW) beklagt im Interview mit dem Netzökonomie-Blog „Kaum Alternativen zu Google, Facebook, Apple & Co.

Gemeint ist also: Deutschland – oder zumindest Europa – sollte auf die Übermacht amerikanischer Dienste im Internet reagieren – möglicherweise auch mit staatlich geförderten Alternativen. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ist voll auf dieser Linie und schreibt: „Das braucht Subventionen, eine Vision groß wie die Mondlandung. Aber auch das Silicon Valley ist das Ergebnis von fünfzig Jahren staatlicher Subvention.“ Tatsächlich ist das Silicon Valley vor allem ein Ergebnis enger Zusammenarbeit von US-Militär, Universitäten und Tech-Unternehmen.

Subventionen sind geflossen

Die deutschen Subventionen sind aber bereits geflossen – und zwar in dreistelliger Millionenhöhe. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs damaliger Staatspräsident Jacques Chirac verkündeten 2005 das gemeinsame Forschungsprojekt für Suchmaschinen-Technologie Quaero – ein europäischer Konkurrent ist dabei bis heute nicht herumgekommen. Ende 2006 zog sich Deutschland aus dem Projekt zurück und begann ein deutsches Forschungsprogramm namens Theseus. Das Programm wurde nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums mit 100 Millionen Euro gefördert und 2012 abgeschlossen, es befindet sich in der Phase der Auswertung.

Es gäbe über 1.700 konkrete Ergebnisse. Darunter 130 Prototypen, knapp 60 Patente und andere geschützte Ergebnisse, 19 Standardisierungsaktivitäten, 5 Existenzgründungen und rund 900 Publikationen. Ein deutsches Google war allerdings nicht dabei.

Dabei ist es keineswegs so, dass Google ein Quasi-Monopol besitzt, das schon im Prinzip schwer zu knacken ist. Das ist beispielsweise für Facebook der Fall. Warum sollte jemand nicht zum führenden sozialen Netzwerk gehen, bei dem auch die meisten Freunde sind – wenn es nicht gerade um eine Nische geht?

Das Quasi-Monopol von Google, das in Deutschland und Europa übrigens ausgeprägter ist als in den USA,  hat einen anderen Grund. Die Standardsuchmaschine kann jeder mit wenigen Klicks umstellen. Viele Technikaffine haben das auch schon versucht – und beispielsweise Duckduckgo getestet, eine Suchmaschine, die nach eigenen Angaben auf das Speichern personenbezogener Daten verzichtet. Fast genauso viele sind dann nach einer Zeit wieder zu Google zurückgekommen – der Algorithmus ist eben doch besser.

Google hat die besten Algorithmen

Genau das ist der Kern von Googles Vormachtstellung: Vorsprung durch Technologie. Googles Algorithmus ist der beste und weil er der beste ist, hat Google die meisten Nutzer. Weil wiederum Google die mit Abstand meisten  Nutzer hat, geniert das Unternehmen auch mit Abstand am meisten Onlinewerbeerlöse – und kann damit die jeweils besten Mathematiker und Informatiker einstellen, die die Algorithmen noch weiterentwickeln.

Googles Stellung ist nur durch eines gefährdet: eine technische Disruption. Der englische Begriff bezeichnet das durch eine technische Innovation eingeleitete völlige Umkrempeln eines Marktes.

Die kommt im IT-Bereich häufiger vor als in anderen Bereichen des Wirtschaftslebens. So leiden Intel und Microsoft – für Jahrzehnte die beiden Quasi-Monopolisten des PC-Zeitalters – derzeit an der Disruption durch mobile Geräte, in denen überwiegend weder Intel-Chips verbaut werden noch Microsoft-Software eingesetzt wird. Und zuvor litt IBM, über Jahrzehnte der dominante Computerbauer auf der Welt, an der durch PCs ausgelösten Disruption der Branche.

Wenn also Google irgendetwas gefährlich werden kann, dann wäre das ein Unternehmen, das auf die Fragen, die Menschen haben, auf völlig neuartige Weise Antworten gibt. Bei der bisherigen Liste der IT-Innovationen, die aus Europa kamen, halte ich es für sehr zweifelhaft, dass diese Disruption hierzulande entsteht – und schon gar nicht kann sie durch Steuergeld herbeisubventioniert werden. Nutzerdaten wären bei deutschen Diensten übrigens vor dem Zugriff Behörden auch nicht besser geschützt – Bestandsdatenauskunft sei dank.


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Kommentare (5 aus 8)

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    • Vielleicht gibt es eher eine andere Variante die Google gefährlich werden könnte, nämlich das sich nach und nach etablierte Websiten entwickeln, die direkt per Bookmark-Link angesprungen werden und die gesamte User-Interessen-Bandbreite abdecken. Zum Beispiel dürften sehr viele Wikipedia und Spiegel Online nutzen. Die Frage ist, ob das nicht den meisten reicht. Dann vielleicht noch einige persönliche Spezial-Websiten und Blogs und dann bräuchte es Google in der Form nicht mehr (zumindest nicht so sehr, dass Google viel Geld durch Werbung verdienen würde). Eine technische Disruption sehe ich nicht, eher sowas wie eine soziale Disruption, also ein Einrasten der Interessensgebiete des Users auf ganz spezielle Websites.

      Persönlich sehe ich auch eher einen Schwenk zu mehr eLearning, insbesondere Online-Vorlesungen. Hier sollte sich Google mit YouTube viel stärker drauf konzentrieren, insbesondere auf sekundengenaue rot/grün (gut erklärt/schlecht erklärt) Bewertungen von Erklär-Videos, um 1.000er Pools an gleichartigen Themenvideos sinnvoll vor-zusortieren. Wen das interessiert, ich habe bei Mathe-Prof. Christian Spannagel einige Vorschläge dazu gemacht:

      http://cspannagel.wordpress.com/2013/04/22/gastbeitrag-haben-schlechte-vorlesungen-eine-zukunft/

    • [...] In der IT-Branche gibt es bereits ein Beispiel für gescheiterte europäische Industriepolitik: 2005 kündigten Frankreich und Deutschland ein Forschungsprojekt für Suchmaschinen-Technologie namens Quaero an. Deutschland zog sich später zurück und machte unter dem Namen Theseus weiter. Bei aller sinnvollen Grundlagenforschung: „Ein deutsches Google war allerdings nicht dabei“, kommentiert das „Wall Street Journal Deutschland“ sarkastisch. [...]

    • Ich denke Frau Schumann hat recht. Beim lesen des Artikels musste ich gleich an Artikel von Sascha Lobo denken der in die gleiche Richtung geht.
      “Die deutsche Netzkrankheit ist eine weitere Ausprägung der Angst zu Scheitern. Nur dass genau diese im Internet zum Scheitern führt.”
      http://www.spiegel.de/netzwelt/web/die-mensch-maschine-sascha-lobo-ueber-die-deutsche-netzkrankhreit-a-886924.html

      Gerade Google bringt ja nicht nur Burner raus, immer wieder werden Dienste abgeschaltet oder Google Wave, woraus erst gar nix wurde… Neue Windowsversionen von Microsoft sind meist total verbugt, erst ab Service Pack 1 überhaupt nutzbar und trotzdem erfolgreich.

      Während in Deutschland eher eine Autobauermentalität vorherscht, wo Qualität wirklich entscheidend ist und Fehler im Produkt schwere Folgen nach sich ziehen können. Bei Software, Digitalität und die Möglichkeit jederzeit zu updaten ist wohl erstmal ein prinzipielles Umdenken – wie man mit Fehlern und Scheitern umgeht- erforderlich

    • Ich finde nicht, dass Google Suche einen überlegenen Algorithmus hat, ich nutze BING.
      Subventionen in bestehende große Firmen sind offenbar kein, auf jeden Fall nicht der alleinige Weg. Weder bei der europäischen Suchmaschine noch bei einer europäischen Ratingagentur klappt es, aus Vernunftsgründen so etwas anzuleiern. Gerade in der Informationstechnologie und im Internet enstanden doch die Innovationen in den Köpfen von Visionären, von ihren Ideen Besessenen – die dann aber auch Wagniskapitalgeber gefunden haben, ihre Visionen zu finanzieren. Und nicht jede Idee war erfolgreich, von den gescheiterten hört man halt nichts, beziehungsweise probieren die das nächste aus…
      Ich glaube, es muss ein Startup-Klima geschaffen, das Visionen und eine gewisse Risikobereitschaft fördert – über Hochschulen, Berufsverbände, gesellschaftliche Anerkennung schon des Versuchs etc.. Es müssen Rahmenbedingungen und Wagniskapitalgeber her damit die Visionen und Innovationen hier umgesetzt werden und nicht in Silicon Valley oder anderswo.

    • “Tatsächlich ist das Silicon Valley vor allem ein Ergebnis enger Zusammenarbeit von US-Militär, Universitäten und Tech-Unternehmen.”
      Und was ist das US-Militär, wenn es um Entwicklung geht? EIn regelrechter Subventionshochofen – da werden Milliarden verbrannt. AUch wenn das jetzt ein wenig ausartet: Militär ist per se ein nichtproduktiver Zweig und damit natürlich subventisabhängig.

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