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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Evernote-Chef: „Es ist moralisch richtig, an die Börse zu gehen“

Alison Yin for The Wall Street Journal
Phil Libin, Evernote-CEO.

Evernote ist ein Programm für Smartphones, Tablets und PCs zum Sammeln, Ordnen und Finden von Notizen, Dokumenten, Audiodatein und Fotos. Die App ist in der Basisversion gratis, für weitere Funktionen und einen größeren Onlinespeicher müssen die Nutzer zahlen.

Ende 2012 ist mit Evernote Business eine Unternehmensversion der App in sieben Ländern auf den Markt gekommen – darunter Deutschland. Am Donnerstag ist Evernote Business in 27 weiteren Ländern gestartet. Nach Unternehmensangaben ist es Evernote in dieser Zeit gelungen, rund 2.000 Unternehmen als Kunden zu gewinnen – wobei in den Unternehmen jeweils nur etwa vier oder fünf Mitarbeiter die App tatsächlich nutzen.

Evernote ist eines der wenigen Tech-Start-ups auf der Welt, das von Investoren mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet wird. WSJ Tech sprach mit Evernote-CEO Phil Libin über das Geschäftsmodell und die Börsenpläne des Unternehmens.

WSJ Tech: Kürzlich haben Sie gesagt, dass Evernote eines der weltweit am schnellsten wachsenden Unternehmen ist – bezogen auf neue Nutzer. Wie erfolgreich sind Sie darin, diese neuen Nutzer auch in zahlende Kunden zu verwandeln?

Phil Libin: Bisher recht erfolgreich. Bevor wir Evernote Business gestartet haben, waren unsere gesamten Einnahmen von der Premium-App abhängig. Es gibt eine Gratis-Version von Evernote und eine Premium-Version, wenn Sie zusätzliche Funktionen haben wollen. Was wir herausgefunden haben ist, dass es umso wahrscheinlicher wird, dass Nutzer zahlen, je länger sie die App nutzen. Wir drängen den Nutzern die Premium-Version in keiner Weise auf. Im ersten Monat zahlt weniger als ein halbes Prozent der Nutzer für die App. Doch der Anteil wächst dann jeden Monat. Nach etwa einem Jahr zahlen rund sechs Prozent der Kunden, nach zwei Jahren sind es etwa zwölf Prozent – und unter unseren treuesten Nutzern, die Evernote inzwischen mehr als viereinhalb Jahre nutzen, zahlen mehr als 25 Prozent für die Premium-Version. Langfristig rechnen wir also damit, dass wir es schaffen können, dass bis zu 25 Prozent der Nutzer zahlen. Bei Evernote Business ist es anders – das kostet immer zehn Dollar im Monat pro Nutzer. Das wird also noch einmal eine neue und davon unabhängige nette Einnahmequelle sein.

Wie weit sind Sie mit Ihrem 25-Prozent-Ziel bisher gekommen – wie viel Prozent der Nutzer zahlen aktuell?

Von den vielleicht 50 Millionen Nutzern insgesamt zahlten zu einem bestimmten Zeitpunkt rund zwei Millionen für die Premium-Version. Aber die Prozentzahl ist nicht besonders aussagekräftig, weil sie in erster Linie davon abhängt, wie viele neue Nutzer wir gerade gewinnen. Es sind vielleicht fünf Prozent oder so – ehrlich gesagt messen wir diese Zahl gar nicht genau. Uns interessiert mehr: Wie viele Nutzer zahlen nach einem Jahr, nach zwei, nach drei und so weiter.

Sehen Sie Unterschiede in den verschiedenen Ländern, in denen Sie aktiv sind? Den Deutschen sagt man ja beispielsweise nach, dass sie nicht gerne für Apps zahlen.

Ja, wir sehen Unterschiede – allerdings nicht so sehr innerhalb von Europa. Europa insgesamt und die Vereinigten Staaten sind sich ziemlich ähnlich. Es gibt einige Überraschungen – wir haben zum Beispiel sowohl sehr viele Nutzer als auch sehr viele zahlende Nutzer im Spanien. Wir haben in Spanien fast so viele Nutzer wie in Deutschland, was überraschend ist. Doch Westeuropa insgesamt verhält sich sehr ähnlich. Es gibt einige Länder, in denen die Leute deutlich schneller zahlen – vor allem Japan und Südkorea. Die sind zahlungsbereiter als Europäer und Amerikaner. Und dann gibt es noch Länder, die noch Entwicklungsländer sind und wo die Zahlungsbereitschaft niedriger ist – Indien zum Beispiel und China. Das Grundprinzip ist aber überall gleich: Je länger jemand die App nutzt, desto wahrscheinlicher zahlt er – das gilt sogar für China.

Die App soll vor allem durch Einfachheit überzeugen – limitiert das nicht die Entwicklungsmöglichkeiten?

Wir versuchen natürlich immer, die App noch einfacher zu machen – und das ist sehr schwierig. Es ist viel einfacher, etwas kompliziert zu machen, als es einfach zu machen. Ich glaube, in den vergangenen paar Jahren haben wir uns dabei verbessert, die Software möglichst simpel zu gestalten. Aber das bleibt kompliziert. Dafür braucht man großartige Designer, Programmierer – fast das gesamte Geld, das wir ausgeben, investieren wir in die Verbesserung des Produkts.

Aber Sie kaufen auch Unternehmen wie Skitch und integrieren weitere Dienste …

Ja, wir haben in den vergangenen Jahren fünf kleine Unternehmen gekauft – aber wir sehen diese Investments ähnlich wie Investitionen in das Produkt. Wir haben Technologie gekauft, die wir selbst benutzen. Als wir Evernote programmiert haben, haben wir es für uns entwickelt – wir waren unsere ersten Kunden. Wir kreieren nur Dinge, die wir selbst nutzen wollen und sind unsere eigenen Testkunden. Deshalb ist Evernote Business beispielsweise auch für Firmen gedacht, die unserem Unternehmen ähnlich sind. Das ist nichts für Großunternehmen mir zehntausenden Mitarbeitern, sondern für kleine und mittlere Unternehmen oder kleine Teams innerhalb großer Unternehmen, die ähnlich wie wir bei Evernote Wissensarbeiter sind. Also alles, was wir erschaffen haben, haben wir für uns geschaffen – und bei dem, was wir gekauft haben, ist es dasselbe. Wir kaufen die Firmen auf, deren Produkte wir den ganzen Tag bei Evernote benutzen und machen sie zum Teil unseres Produkts.

Sie sagten kürzlich in einem Interview mit der Financial Times, dass Sie mit dem Börsengang von Evernote bis mindestens 2015 warten wollen. Irgendwelche Neuigkeiten diesbezüglich?

Nein, nein – das stimmt immer noch. Wir haben immer gesagt, dass wir ein hundertjähriges Unternehmen aufbauen wollen – das ist das Ziel. Wir nehmen das sehr ernst. Als hundertjähriges Unternehmen sollten wir irgendwann an der Börse sein. An der Börse gelistet zu sein, ist für ein solches Unternehmen die moralisch richtige Entscheidung. Wenn die Leute uns Ihre Lebenserinnerungen anvertrauen, sollten wir jedem, der es will, auch die Chance geben, Mitbesitzer des Unternehmens zu werden. Also wir wollen an die Börse – aber der Börsengang ist nicht das Ziel an sich, das ist kein „Exit“. Wir wollen nicht, dass sich durch den Börsengang irgendetwas grundlegend ändert – wir wollen die Änderungen dadurch so klein wie möglich halten. Alle Finanzierungsrunden der vergangenen Jahre waren auch eine Vorbereitung auf diesen Börsengang. 2015 ist wirklich das frühestmögliche Datum, es könnte auch später werden.

Eine 100-Jahre-Firma aufbauen – unter Tech-Start-ups ist so etwas selten zu hören …

Es gibt heute rund 3.000 Unternehmen auf der Welt, die mehr als 100 Jahre alt sind. Ich glaube rund 2500 davon sind in Japan. In Japan ist das also offenbar eine recht verbreitete Mentalität, in anderen Teilen der Welt weniger – insbesondere in den USA und im Technologiebereich. Aber die Einstellung ist definitiv nicht einzigartig. Basierend auf Gesprächen mit Freunden von mir und anderen CEOs von Silicon-Valley-Unternehmen kann ich sagen, dass es keine verrückte Einstellung ist, eine Firma langfristig aufzubauen und sie nicht verkaufen zu wollen. Es ist nicht gewöhnlich – aber Evernote ist mit diesem Ansatz sicher auch nicht innovativ.

Und es gibt keinen Preis, für den Sie die Firma verkaufen würden?

Nun – es ist nicht nur meine Firma. Wir haben ein Board, wir haben Investoren und müssen jedes Angebot prüfen. Ich persönlich? Nein. Was den Preis angeht, gibt es eine einfache Methode darüber nachzudenken: Wenn jemand zu mir käme und mir eine Milliarde Dollar für das Unternehmen bieten würde, wäre für mich die richtige Reaktion, zu Investoren zu gehen und zu fragen, ob sie auf Basis dieser Bewertung fünf oder zehn Prozent der Firma kaufen wollen. Wenn ich dann denselben Preis von Investoren bekommen kann wie von einem Käufer, würde ich lieber 10 Prozent verkaufen als 100 Prozent. Die einzige Situation, in dem ich dem Board empfehlen würde, die Firma zu verkaufen, wäre, wenn ein Käufer deutlich mehr zu zahlen bereit wäre als ein Investor. Das ist am Beginn einer Firmengeschichte möglich, wenn ein Käufer ein strategisches Interesse verfolgt. Zu diesem Zeitpunkt, an dem Evernote bereits mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird, ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein Käufer uns sagen wir mal zehn Mal so hoch bewertet wie ein Investor.

Wie wollen Sie das Geld investieren, das durch den Börsengang in die Firma kommt?

Der Börsengang wird sich in die bisherigen Finanzierungsrunden einreihen – er ist nichts fundamental anderes. Wir sammeln schon seit Jahren Geld ein – mehr als eine viertel Milliarde Dollar bislang. Ein Teil des Geldes aus dem Börsengang wird in die Firma fließen aber ein Teil auch an vorhandene Investoren und Anteilseigner. Wir werden nach dem Börsengang nicht plötzlich viel mehr Geld zur Verfügung zu haben. Das Ziel des Börsengangs ist vielmehr, Liquidität vom Exit zu trennen. Wie wollen die frühen Investoren, die verkaufen wollen, verkaufen lassen und gegen neue langfristig orientierte Anleger eintauschen. Wenn der Börsengang erfolgreich verläuft, wird er nicht viel ändern.

Was glauben Sie, ist eine realistische Bewertung des Unternehmens?

In der jüngsten Finanzierungsrunde vor einigen Monaten wurden wir mit etwas mehr als einer Milliarde Dollar bewertet – das ist also das, was der Markt vor einigen Monaten gezahlt hat. Ich glaube, seit damals haben wir gute Fortschritte gemacht. Aber ich weiß nicht, wann wir das nächste Mal Geld aufnehmen werden. Dann werden wir sehen, wie sich die Bewertung entwickelt hat.

Eine Milliarde Dollar – mit was muss der jährliche Gewinn für diese Bewertung multipliziert werden?

Nun, noch sind wir nicht an der Börse und einer der Vorteile daran ist, dass wir unsere Zahlen nicht offenlegen müssen. Noch sind wir nicht profitabel. Wir waren 2011 zeitweise profitabel. Damals wollte ich beweisen, dass das Unternehmen auch alleine mit dem Freemium-Modell profitabel sein kann. Doch dann haben begonnen eine Menge Geld aufzunehmen, um mehr Leute einzustellen. Seit damals haben wir rund 200 bis 250 Leute eingestellt. Wir könnten im Grunde jederzeit zur Profitabilität zurückkehren – dafür müssten wir nur aufhören, neue Leute einzustellen. Doch das Board hat die Entscheidung getroffen, dass so lange das Wachstum bei den Umsätzen und den Nutzern anhält, wir neue Leute einstellen, um das Produkt zu verbessern. Der Plan ist, 2014 wieder Gewinn zu machen.

Ende der 1980er Jahre sprachen alle über das „papierlose Büro“. Als dann die PCs die Büros eroberten, war das Resultat eher das Gegenteil: Alle druckten und kopierten was das Zeug hielt. Glauben Sie noch an das „papierlose Büro“?

Ich glaube nicht, dass das Ziel ist, Papier zu vermeiden. In meinem Leben spielt Papier eine große Rolle. Wir haben Partnerschaften mit vielen Unternehmen, die mit Papier arbeiten – zum Beispiel Scannerherstellern. Ich drucke Dinge nicht mehr aus – nutze also deutlich weniger Papier als vielleicht noch vor zehn Jahren. Aber ich schreibe ständig auf Papier.

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    • [...] Google Keep ist alles andere als revolutionär. Vielleicht, weil Google zuletzt mit dem gefloppten E-Mail-Ersatz Wave schlechte Erfahrungen mit revolutionärer Technik machte, eifert der Webriese diesmal einem Vorbild nach. Google Keep ist ein kostenloses und minimalistisches Online-Notizbuch für Texte und Sprachnotizen, ganz ähnlich wie der bereits etablierte Dienst Evernote. [...]

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