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Warum Twitter Bluefin kauft – und warum sich Bluefin kaufen lässt

Laut einem Bericht des Business Insider will Twitter die Firma Bluefin Labs übernehmen. Bluefin wurde 2008 gegründet und hat sich seither auf die Analyse sozialer Netzwerke und dort im Speziellen auf das soziale Fernsehen spezialisiert.

Soweit ich weiß, ist der Deal noch nicht in trockenen Tüchern. Auch wenn der Business Insider anders berichtet. Allerdings dürfte es nicht mehr lange dauern. Es ist davon auszugehen, dass Twitter mehr als 70 Millionen US-Dollar für die Firma aus Boston auf den Tisch legt. Bluefin hat in seiner vierjährigen Unternehmensgeschichte bisher 20,5 Millionen Dollar über Finanzierungsrunden einnehmen können. Darum dürften zumindest einige der Investoren – zu denen neben Softbank auch Time Warner gehört – eine ordentliche Rendite einstreichen.

Twitter will sich mit der Übernahme sowohl das Personal als auch die Technologie von Bluefin sichern. Die Firmenzentrale von Bluefin in Boston wird in Zukunft vermutlich ein Außenposten des Kurznachrichtendienstes werden.

Es war nicht der Plan des Bluefin-Managements die Firma so früh und zu diesem Preis zu verkaufen. Vielmehr wollte das Unternehmen zu einem ernsthaften Konkurrenten der Marktforscher von Nielsen wachsen. Mit sozialen Analysen wollte es Programmchefs und Marktforschern zeigen, was die Menschen über die zahlreichen Formate sagten, die sie gerade im Fernsehen schauten. Es gab Überlegungen, diese Analysen langfristig noch auszubauen.

Eingeweihte berichten, dass Bluefin Probleme damit hatte, seine Dienste an große Firmen zu verkaufen. Ein Verkauf zum jetzigen Zeitpunkt ergibt darum durchaus Sinn. Und für Twitter lohnt sich die Übernahme so oder so. Mit dem Know-how von Bluefin kann das Unternehmen seine Forschungstätigkeit weiter stärken. Und das ist nötig, wenn der Kurznachrichtendienst die großen Umsatz- und Gewinnerwartungen erfüllen will.

Twitter hatte erklärt, im vergangenen Jahr Erlöse von 350 Millionen erzielen zu wollen. In diesem Jahr soll es bereits eine Milliarde sein. Zwar verkauft das Unternehmen schon jetzt eine Menge Werbung über die Plattform. Doch es befindet sich in einer ähnliche Lage wie Facebook vor ein paar Jahren: Werbekunden sind bereit, für Produktplatzierungen zu zahlen. Schließlich nutzen viele Millionen Menschen den Dienst, also erscheint er interessant. Doch sie wissen noch nicht so recht, was am Ende für sie herausspringt.

Darum wird es zumindest zum Teil Aufgabe von Bluefin sein, nach der Übernahme durch Twitter genau diese Deals mit potenziellen Werbekunden unter Dach und Fach zu bringen.  Bluefin muss dafür sorgen, dass sowohl die Programmanbieter, aber auch die Marketingabteilungen den Wert des sozialen Netzwerkes erkennen und nicht nur einmal, sondern immer wieder investieren.

Man kann sich das ganze wie bei großen Fernsehanstalten vorstellen. Dort gibt es bereits große Marktforschungsteams. Allerdings verfügen diese über langjährige Erfahrungen. Sie werden darum von den Programmchefs im Zweifel noch bevorzugt. Das ist für Twitter ein Problem.

Allerdings ruhen sich die großen Anbieter längst nicht auf ihren Lorbeeren aus. Nielsen hat im vergangenen Jahr SocialGuide übernommen, eine kleine Firma für soziale Analysen. Und im Dezember verkündeten Twitter und Nielsen eine strategische Partnerschaft. Es dürfte also interessant werden, was in Zukunft noch so passiert.

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