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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Was Facebook- und Twitter-Nutzer in Deutschland unterscheidet

dapd

Vor einigen Tagen ist die Website 10000Flies.de an den Start gegangen – nach eigener Beschreibung bietet es die „Social-Media-News-Charts“  für das deutschsprachige Web – und zwar jeweils vom Vortag. Dabei zeigt, was sich neben den großen Nachrichten-Themen besonders rasant in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Google+ verbreitet: Emotionen.

10.000 Flies will die Realität abbilden und nichts filtern. Sämtliche Artikel von mehr als 4.000 Quellen werden durch die Firma Active Value ausgewertet. Dabei zeigt sich: Weit oben in den Charts steht selten das, was klassische Medien als relevant bezeichnen würden. „Neben den großen Nachrichten tauchen auffällig oft die Themen Rechtsradikalismus, Fußball, Tiere und Tierschutz sowie Nachrichten aus lokalen Medien über Vermisstenmeldungen von Kindern in den Charts weit oben auf“, sagt der Gründer der Website, Jens Schröder. Auch Promis, Klatsch und Tratsch sind häufig zu finden.

“Was lasse ich da für ein Monster los?”

Könnte das bei Medien dazu führen, dass sie über emotionale Themen wenig sachlich berichten, um Hits in sozialen Netzwerken zu landen? „Ich habe mir am Anfang auch gedacht: Was lasse ich da für ein Monster los?“, sagt Schröder, der auch als Medienjournalist für den Branchendienst Meedia arbeitet. Doch dann habe er überlegt, dass es den Trend zu Emotionalisierung und Boulevardisierung in den Medien durch das Internet ohnehin schon gebe – weil Redaktionen durch Klickzahlen sehen, was ankommt. „Es gibt den Trend zum Boulevard und zu Emotionalisierung, weil sich das Internet so gut vermessen lässt wie noch kein Medium zuvor“, glaubt Schröder.

Allerdings haben nicht nur diese Themen eine Chance. „Gerade das Beispiel Zeit Online zeigt, dass es auch immer wieder seriöse Themen schaffen, in den sozialen Medien große Verbreitung zu finden. Der zehntpopulärste Artikel in den Jahrescharts beschäftigt sich mit einem auf dem ersten Blick trockenen Thema, das aber auf riesiges Interesse gestoßen ist: Ein Artikel auf Zeit Online über eine Bildungsstudie von John Hattie, nach der es bei Bildung weder auf kleine Klassen noch offenen Unterricht ankommt – sondern den richtigen Lehrer. Ebenfalls gut vertreten ist immer die Satire-Seite „Der Postillon“.

Was Twitter, Google+ und Facebook unterscheidet

Große Unterschiede gibt es allerdings zwischen den verschiedenen sozialen Medien. Mit Abstand die größte Verbreitung hat Facebook gefolgt von Twitter und Google+. Während ein Artikel auf Facebook am Sonntag mindestens 238 Likes, Kommentare oder Shares benötigte (alle drei Werte werden zusammengerechnet und gleichwertig gezählt), um es in die Top 50 zu schaffen, reichten 56 Retweets. Bei Google+ reichten sogar ganze 9 Empfehlungen für die Top 50.

Screenshot

„Nachrichtlich härtere Themen finden sich auf Twitter etwas schneller“, beobachtet Schröder. Größer seien dagegen aber die Unterschiede, was jeweils in den Netzwerken geteilt wird. „Bei Twitter sind vor allem Technikaffine und ein harter Kern von Netzleuten aktiv.“ Neben Themen wie Netzpolitik habe auch die aktuelle Sexismus-Debatte unter dem Hashtag #Aufschrei mit Abstand die größte Resonanz gefunden. Auch bei Facebook fand die Debatte statt. Doch während hier vor allem auf die großen klassischen Medien wie Sueddeutsche.de und FAZ verwiesen wurde, rangierten in den Twitter-Chrats teils kleine Blogs weit oben. Deutlich wird hier, dass auf Facebook ein bereiteres Publikum aktiv ist. Schröder nennt das Facebook-Publikum den „Mainstream“.

Bei Google+ sind vor allem Technikaffine unterwegs. Das zeigt auch der am Sonntag dort populärste Artikel: Eine Artikel von Sueddeutsche.de über das freie Betriebssystem Linux.

Social-Media-Nutzer wenig am Ausland interessiert

Interessant ist auch, was bei den klassischen Medien für gewöhnlich wichtig ist – für die Nutzer sozialer Medien aber nicht: „Die Netzwerke sind sehr inlandsfixiert“, sagt Schröder. Themen wie der Nahostkonflikt oder die Wahl in Israel würden von klassischen Medien stark beachtet, finden in den sozialen Netzwerken aber kaum Wiederhall.

In absehbarer Zeit wollen Jens Schröder und Active Value mit dem Projekt auch Geld verdienen: „Das Ranking wird immer kostenlos bleiben, aber wir wollen Unternehmen spezielle kostenpflichtige Analysen anbieten.“

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Kommentare (2 aus 2)

Alle Kommentare »
    • Das interessanter Beitrag, Merci.

      Vielleicht koennte man noch darauf hinweisen, dass es vielleicht nicht so einfach ist AT, DE und CH Sites zu vergleichen? Unsere Daten zeigen mit Blogs das die Grösse eines Landes ebenfalls die Kennzahlen beinflussen kann für grosse Sites.

      siehe z.B. hier ==> http://BlogRank.CyTRAP.eu/br///

      Herzlichen Dank
      Urs
      @CyTRAP

    • [...] Start erklärte der Journalist bereits, dass das Angebot auch in Zukunft kostenlos bleiben soll, fügte allerdings hinzu: “Aber wir wollen Unternehmen spezielle kostenpflichtige Analysen [...]

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