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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Apple hat ein Porno-Problem

„Apple hat ein Porno-Problem, und es wird immer schlimmer“, schrieb der bekannte Techblogger Joshua Topolsky am Sonntag in einem Artikel auf der Internetseite The Verge. Darin spielt er auf eine Reihe von Berichten über die neue Video-Tausch-App Vine an, die vor ein paar Tagen erstmals im App-Store von Apple aufgetaucht und dort sogar prominent empfohlen worden war. Vine funktioniert ähnlich wie die beliebten sozialen Foto-Apps Instagram und EyeEm. Statt statischen Bildern kommen hier allerdings kurze Videoschnippsel zum Einsatz. Sechs Sekunden lang darf ein Clip sein, gefilmt wird mit der in das Smartphone eingebauten Kamera.

Sind es zu Beginn vor allem kleine Stop-and-Motion-Filme, die bei Vine die Runde machen, tauchen relativ schnell auch die ersten nicht jugendfreien Videos auf. Wer nach dem Hash-Tag #porn sucht, wird ohne große Probleme fündig. Zwar sind auch diese Clips nie länger als sechs Sekunden. Doch anscheinend sind Angebot und Nachfrage vorhanden. Nachdem die Debatte über Pornografie bei Vine online an Fahrt gewinnt, schiebt der Kurzvideo-Dienst schnell eine virtuelle Schranke vor. Wurde ein Video bereits als „möglicherweise unangemessen“ markiert, ist es nur noch mit einem zusätzlichen Klick erreichbar. Zunächst bekommt der Nutzer die Meldung „Warnung – Dieses Video könnte einen sensiblen Inhalt haben. Klicken Sie, wenn Sie es trotzdem anschauen wollen“. Berührt er mit seinem Finger trotzdem den Touchscreen an dieser Stelle, wird der Film ganz normal abgespielt. Wirklich sicher ist das nicht.

Im App Store von Apple wird Vine mit einer Freigabeempfehlung ab 12 Jahren angegeben. Empfohlen wird das Programm mittlerweile nicht mehr. Doch noch hat Apple die App nicht komplett aus dem Angebot entfernt. Es wäre jedoch nicht das erste Mal, dass der US-Konzern diesen Schritt gehen würde. Erst vor kurzem verschwand die beliebte Foto-App 500px wegen der Anzeige von pornographischem Material aus dem App Store. Die Empörung der Nutzer war groß, mit einem Update wollen die Macher nun dafür sorgen, dass das Programm bald zurückkehrt.

Dabei sind Vine und 500px keine Ausnahmen. Auch bei den beliebten Fototauschdiensten Instagram und EyeEm und bei Vine-Mutter Twitter selbst lassen sich pornographische Inhalte ohne große Probleme finden. Auch Pornostars und Filmfirmen nutzen die Netzwerke, um auf sich und ihre Werke aufmerksam zu machen. Wirklich verhindern lässt sich das nicht.

Sollte Apple also auch weiterhin so rigide gegen pornographische Inhalte vorgehen wollen, müsste das Unternehmen theoretisch nicht nur Twitter, Instagram und Co. aus dem App Store verbannen. Es dürfte überhaupt keine Geräte mehr verkaufen, auf denen Videos gespeichert werden können oder auf das Internet zugegriffen werden kann.

Joshua Topolsky hat also recht, wenn er in Bezug auf Vine von einem Porno-Problem bei Apple spricht. Mit seiner strengen Vorgehensweise hat sich der US-Konzern in eine Sackgasse manövriert. Ihm bleibt jetzt nichts anderes übrig, als Gas zu geben und den Wagen gegen die Wand zu setzen, oder den Rückwärtsgang einzulegen.

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Update: Wie The Verge berichtet, soll es ein anstößiges Video sogar als “Editor’s Pick”, also als persönliche Empfehlung der Entwickler, in die Profile unzähliger Nutzer geschafft haben. Twitter bestätigte den Vorgang und sprach von menschlichen Versagen.

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    • [...] empfohlen worden war. Vine funktioniert ähnlich wie die beliebten sozialen … Read more on WSJ Tech Ähnliche Beiträge:Ein Dauerbrenner: Wieder eine Abmahnung der Anwälte Sasse…Hallo ich [...]

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