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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Facebook und die Schleswig-Holstein-Frage: Gibt es ein Recht auf Online-Anonymität?

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Zuletzt stand Schleswig-Holstein derart in den internationalen Schlagzeilen, als es im 19. Jahrhundert Zentrum des Kampfes zwischen Dänemark, Preußen und Österreich stand. Damals soll der britische Politiker Lord Palmerston gesagt haben, dass die Schleswig-Holstein-Frage so kompliziert sei, dass sie höchstens drei Männer in Europa jemals verstanden haben. „Einer davon war Prinz Albert, der tot ist. Der zweite war ein deutscher Professor, der verrückt wurde. Ich bin der dritte – und ich habe alles darüber vergessen“, scherzte der britische Lord seinerzeit.

Nun hat ein Mann das nördlichste Bundesland zurück in die Schlagzeilen gebracht: Thilo Weichert, der Landesdatenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein. Er hat eine Frage aufgeworfen, die so kompliziert ist, dass sie die ursprüngliche Schleswig-Holstein-Frage wie einen Kindergeburtstag aussehen lässt.

Im Dezember 2012 drohte Weichert Facebook erstmals mit einem Zwangsgeld, weil das Unternehmen die anonyme und pseudonyme Nutzung des sozialen Netzwerks nicht zulässt – was nach Auffassung Weicherts gegen deutsche Gesetze verstößt.  Inzwischen sind auch internationale Medien darauf aufmerksam geworden.

Facebook spricht von Steuergeldverschwendung

Facebook widerspricht Weichert. „Wir glauben, dass die Anweisungen sinnlos und eine Verschwendung von Steuergeldern sind, und wir werden uns ihnen energisch widersetzen“, heißt es vom Unternehmen. Doch in dieser Auseinandersetzung steckt mehr als die altbekannte Geschichte „Europäisches Land ist auf einen großen US-Konzern sauer“. Es geht hier um den Kern einer alten Internetdebatte: Haben wir das Recht auf Online-Anonymität?

Die Frage hat weitreichende Konsequenzen auch auf das normale Leben. Das irische Parlament untersucht die Rolle sozialer Internetmedien bei dem Selbstmord des irischen Politikers Shane McEntree. McEntree nahm sich nach einer Hetzkampagne das Leben, bei der auch sozialen Medien wie Facebook eine Rolle spielten.

Richard Allan, Directer of Policy von Facebook in Europa, verteidigt das Bestehen auf Klarnamen rigoros. Dem Unternehmen zufolge ist die Realname-Politik sowohl der Sicherheit als auch der zivilen Debattenkultur förderlich. „Wir tun das, weil es Grundlage dessen ist, was unsere Community definiert“, sagte er. „Sie soll dem echten Leben entsprechen. Dort würde man ja auch niemanden darüber belügen, wer man ist.“

Auch in der echten Welt gibt es Pseudonyme

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Thilo Weichert.

Laut Simon Davies, ehemaliger Partner an der London School of Economics und Gründer der Organisation Privacy International, lässt Facebook bei seiner Darstellung von Interaktionen in der echten Welt aber einiges weg. „In der echten Welt gibt es unzählige Momente, in denen wir unseren Gegenüber nur per Pseudonym oder mit ihrer öffentlichen Identität kennen“, sagte er. „Wir entwickeln verschiedene Ebenen sozialer Interaktion. Wenn Facebook wirklich die volle Bandbreite der sozialen Interaktion ermöglichen will, die man beispielsweise in einer Kneipe findet, dann müssen sie Pseudonyme erlauben. Es gibt Leute, die nur mit ihrem Spitznamen bekannt sind. Wir können trotzdem ganz real mit diesen Leuten reden.“

Es komme darauf an, was wir wollen, sagt Davies. „Man muss unterscheiden, was Mechanismen für einen guten sozialen Austausch und was Mechanismen für ein sicheres soziales Netzwerk sind. Das ist nicht dasselbe.“

Brooke Magnanti schreibt heute für die Londoner Zeitung Daily Telegraph. Zuvor allerdings war sie Callgirl und schrieb einen Blog unter dem Pseudonym Belle de Jour über ihr Leben als Prostituierte. Sie sagt, dass der Verlust des Rechts auf Anonymität schwerer wiegen würde als jeder mögliche Schaden, der durch die missbräuchliche Nutzung von Anonymität entstehen kann.

Kritik im Schutz der Anonymität

Im Großbritannien der frühen 1660er Jahren unter der Regenschaft von König Charles II „wurde ein Drucker mit dem Namen John Twyn mit dem Tode bestraft, weil er den Namen eines anonymen Autors nicht nennen wollte, der kritisch über den König geschrieben hatte“, sagt Magnati. Zu allen Zeiten sei Anonymität genutzt worden, um repressive und autokratische Regierungen zu kritisieren.

„Wenn es um illegale Aktivitäten geht, werden Leute das Gesetz brechen – unabhängig davon, ob wir ihre Namen kennen. Für solche Fälle gibt es bereits Gesetze, wir brauchen nicht noch mehr“, sagt sie. Ihrer Meinung nach sollten die Gesetze nicht nur deshalb geändert werden, weil es eine neue und häufig missverstandene Technologie gibt.

Stört die eine Milliarde Facebook-Nutzer die fehlende Anonymität? Ganz und gar nicht. Die häufigste Beschwerde, die das Unternehmen derzeit bekommt, ist nicht, dass man keine anonyme Nutzung zulässt, sondern das genaue Gegenteil, sagt Allan. „Die Beschwerden, die wir bekommen, haben ganz häufig mit Nutzern zu tun, die falsche Identitäten auf Facebook nutzen. Ernsthafte Beschwerden von Nutzern,  die sich gerne als jemand anders präsentieren würden, gibt es nicht. Sie kommen von Aktivisten und Behörden, nicht von normalen Nutzern, deren Interesse das genaue Gegenteil ist.“

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