WSJ Blogs

Real-time commentary and analysis from The Wall Street Journal
WSJ Tech
Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Der twitternde Maler

Werner Deck

Rückenprobleme, Geldspenden, fiese Kunden. Spammails, Azubis, geizige Kunden. Klickzahlen, Weihnachtsfeier, dankbare Kunden. Der Maler Werner Deck twittert und bloggt über so einiges.

Und das ziemlich erfolgreich. So erfolgreich, dass Deck für viele in der Branche als der Social-Media-Handwerker schlechthin gilt. Bei Twitter folgen ihm gut 12.000 Nutzer, pro Monat klicken rund 140.000 User auf seinen Blog. Das macht ihn zu unserem ersten Beispiel in der Reihe von Unternehmen, die Social Media geschickt nutzen: Nachdem wir vor einiger Zeit ausgeführt haben, was deutsche Firmen bei Twitter und Co. noch lernen müssen, stellen wir jetzt die vor, die das richtige Händchen haben – vom Großkonzern bis zum Kleinunternehmen.

Nummer Eins bei Google

Werner Decks Bekanntheitsgrad verschafft ihm einen Vorteil am Markt – denn viele seiner Kollegen haben nicht einmal eine Website, von Social Media ganz zu schweigen. Der Malermeister mit dem gezwirbelten Schnäuzer geht durch die Medien. Und wer in seiner Heimatstadt Karlsruhe einen Maler sucht, dem springt nach den Gelben Seiten direkt seine Domain entgegen.

Dabei hat seine Beziehung mit den Sozialen Medien ziemlich unromantisch begonnen. Vor rund vier Jahren meldete sich der jetzt 64-jährige bei Twitter und Facebook an. „‘Was soll ich da?‘, habe ich mich damals gefragt“, sagt der Maler im Gespräch mit WSJ Tech. „Das hat mich überhaupt nicht begeistert. Vor allem Twitter – das war für mich so wie sinnlose SMS an ein Zufallspublikum zu senden.“

Er löschte die Konten wieder. Im Frühjahr 2010 rief ihn dann eine Bekannte und Geschäftspartnerin an, die selbst Unternehmerin ist. Er müsse endlich Twitter und Facebook für seine Firma nutzen. „Ich dachte: Käse“, sagt er. Aber sie ließ nicht locker: Deck müsse auf sich Aufmerksam machen, den Hebel nutzen, den die Netzwerke bieten. Er sagte der Bekannten, dass er auflegen muss, um die Accounts bei den beiden Netzwerken anzulegen.

„Ich habe geschaut, was die anderen machen, und wie ich darauf reagiere“, erklärt der Handwerker. Werbe-Tweets haben ihn genervt, Anekdoten fand er gut, Gesichtsfotos auch. Nach ein paar Tagen von Tweets und Statusmeldungen war ihm klar, dass er mehr Platz braucht – das Blog war geboren. Das Motto war schon damals dasselbe wie heute: Live-Infos aus einem spannenden Unternehmeralltag. „Es war klar, dass ich einfach erzähle, was einem Maler so passiert“, sagt Deck, der bei seiner Firma Malerdeck zehn Leute beschäftigt.

Bei kleinen Unternehmen ist Social Media Chefsache

Aber was nützt all das Bloggen, wenn es keiner liest? Werner Deck suchte sich gezielt Multiplikatoren bei Twitter, vor allem Social-Media-Berater. Nach dem Motto: Ich folge dir, folge auch du mir. Die Berater wurden schnell auf ihn aufmerksam – Handwerker, die Social Media nutzen, sind selten genug, und er war auch noch über 60. Die Retweets und Erwähnungen in Beraterblogs kamen. „Die Berater fanden es natürlich toll – ein Malermeister, der all das macht, was sie ihren Kunden seit 20 Jahren erzählen.“

Jetzt bloggt er pro Tag ungefähr eine Stunde. Er muss es selbst machen, sagt er. „Ich kann es meiner Sekretärin diktieren – aber wenn ich ihr fünf Stichpunkte geben würde und sie denkt sich etwas aus, wäre es nicht mehr authentisch.“ Typisch für kleinere und mittelgroße Betriebe: An einen Social-Media-Fachmann ist nicht zu denken. „Also steht und fällt der Erfolg mit dem Chef“, wie der bekannte Kommunikationsberater Klaus Eck bestätigt.

„Der Blog ist ein gigantisches Schaufenster, dass ich sonst nirgends habe.“ Die wichtigsten Zutaten für den Erfolg sind wohl zwei: Zum einen die Anekdoten über den kaputten Rücken, über nette Briefe oder besserwisserische Kommentare von Kunden und über die Onlinepause, die er in Dubai auf Wunsch seiner Frau gemacht hat. Zum anderen das Feedback der Kunden auf seine Arbeiten, das ihm Symphatie für Transparenz einbringt. Die allermeisten Rückmeldungen, die Deck postet, sind positiv, doch es gibt auch vereinzelte Kritik. Allerdings enden auch solche Artikel mit einer positiven Note: Werner Deck entschuldigt sich mit Blumen und Wein.

Leichte Umsatzsteigerung durch Social Media

Doch auch wenn er Soziale Medien im Griff hat wie sonst wohl kein Handwerker: Die Leute bestellen den Maler dann, wenn sie ihn wirklich brauchen. Bedarf lässt sich in seiner Branche durch die nettesten Anekdoten, durch den interessantesten Einblick in den Handwerkeralltag nicht wecken, glaubt er: „Niemand lässt sein Wohnzimmer renovieren, weil Herr Deck Social Media nutzt.“

Aber wenn die Karlsruher einen Maler rufen, dann rufen ihn öfter als früher. Er steht bei Google oben, kommt auch in den klassischen Medien vor und ist Stadtgespräch. So denkt man an ihn, wenn die Ecken im Wohnzimmer grau werden. „Eine leichte Umsatzsteigerung haben wir schon“, sagt er. Vor allem durch jüngere Leute: Bevor er mit dem Twittern und Bloggen anfing, waren fast alle Kunden älter als 60. Jetzt sind immer noch die meisten alt, aber es ist ein Schuss von Menschen zwischen 30 und 50 dazugekommen.

Seit neuestem ist Werner Deck auch Social-Media-Berater. Aber die Auslastung hält sich in Grenzen, sagt er. Ironischerweise macht ihm genau das sein Beratergeschäft kaputt, was ihm als Maler die Kunden zutreibt – nämlich die Ignoranz seiner Standeskollegen. Er habe selbst eine Untersuchung unter 1.000 Handwerkern im Frühjahr gemacht, sagt er. „Knapp die Hälfte hat nicht mal eine Homepage – mit Social Media braucht man denen nicht zu kommen.“

Das war der erste Teil unserer Reihe über Unternehmen, die es richtig machen mit den Sozialen Medien.

Der Autor auf Twitter

Kommentar abgeben

Wir begrüßen gut durchdachte Kommentare von Lesern. Bitte beachten Sie unsere Richtlinien.

Kommentare (5 aus 5)

Alle Kommentare »
    • [...] WSJ Tech: Der twitternde Maler - wsj.de [...]

    • [...] WSJ Tech: Der twitternde Maler [...]

    • [...] aber fast das Fünffache an Followern. Ebenso der findige Chef eines zehnköpfigen Malerbetriebs: Werner Deck kommt auf 12.232 Follower. Das ist mehr als das Dreifache derer, die den Konzern-Accounts der drei deutschen Stromriesen [...]

    • [...] Deck z.B., erhielt den Titel “Mr. Social Media des Handwerks” und wurde von “The Wall Street Journal” interviewt. Volker Geyer war eingeladen, bei der EU-Ministerkonferenz in Zypern, zu [...]

    • Lieber Florian Bamberg,

      er hat mir großen Spaß gemacht, micht von Ihnen interviewen zu lassen. Vielen Dank.
      Mit farbenfrohen und :-) Grüßen, Ihr Opti-Maler-Partner, Werner Deck

      Danke.

Über WSJ Tech

  • Apps, Crowdfunding, Cloud Computing – neue Technologien werfen die Regeln der Weltwirtschaft um. WSJ Tech erklärt technologische Trends, stellt interessante Entwicklungen vor und analysiert die wichtigsten Trends der IT-Wirtschaft.

    Die Autoren:

    Stephan DörnerStephan Dörner
    Jörgen CamrathJörgen Camrath
    Archibald PreuschatArchibald Preuschat