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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Facebook-Vorschaubilder werden zur Abmahnfalle

Wer Freunde auf Facebook durch einen Link auf eine Website hinweisen will, könnte unter Umständen abgemahnt werden. Der Rechtsanwalt Frank Weiß, unter anderem spezialisiert auf Marken- und Urheberrecht, berichtet von einem gewerblichen Kunden, dem genau das passiert ist.

Stellt ein Nutzer einen Link bei Facebook ein, zeigt Facebook ein kleines Vorschaubild von der Original-Website an. Das Bild soll anderen Nutzern auf einen Blick erfassen lassen, um was es sich bei dem geteilten Link handelt. Das entsprechende Miniaturbild kann der Nutzer auch deaktivieren – standardmäßig aber wird es eingefügt.

Anwalt Weiß berichtet in seinem Blog, dass einem von ihm vertretenen Betreiber einer Facebook-Seite vorgeworfen werde, durch die Funktion Urheberrechte in Bezug auf das bei Facebook angezeigte Miniaturbild verletzt zu haben. Die Berliner Kanzlei Pixel Law habe im Namen einer Mandantin, die angeblich die Fotografin des Fotos ist, „die sofortige Entfernung des Bildes, die Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung sowie Schadensersatz und die Erstattung der Rechtsverfolgungskosten (Kosten der Abmahnung)“ gefordert. Die Fotografin ist nach Angaben der Kanzlei Schwenke bereits durch ähnliche Abmahnungen aufgefallen.

1746,69 Euro für ein Briefmarken-Bild

Für den geteilten Link soll der Mandant von Weiß so insgesamt 1746,69 Euro zahlen – davon 546,69 Euro Abmahnkosten für die Berliner Kanzlei. „1746,69 EUR für ein Bild, kaum größer als eine Briefmarke!“ schreibt der Anwalt. „An dieser Abmahnung wird wieder einmal deutlich, wie schnell man sich durch unbedachtes Handeln erheblichen Forderungen ausgesetzt sehen kann“, so Weiß.

Pixel Law verteidigt die Abmahnung

“Es ist zugegebenermaßen sportlich hier mit 1200 ranzugehen”, räumt Andreas Weingärtner, Rechtsanwalt bei der Kanzlei Pixel Law ein, welche die Abmahnung im Auftrag der Mandantin verschickt hat. Sie hat sich auf Urheberrechtsverstöße im Bereich der Fotografie spezialisiert. “Wir sind aber immer bereit zu reden und werden immer verhandlungsbereit sein”. Die Abmahnung habe in erster Linie den Sinn, das Unrechtsbewusstsein zu schärfen. “Wer mit uns redet, zahlt deutlich weniger”, gibt der Anwalt an.

Außerdem würde die Kanzlei nur gewerbliche Nutzer abmahnen, niemals Privatleute. “Wenn jemand wirklich gar kein Geld hat und das glaubhaft belegen kann – zum Beispiel ein Existenzgründer - zahlt er gar nichts. Wir sind keine Unmenschen. Es geht uns nicht darum, Meschen wirtschaftlich zu vernichten”, sagt Weingärtner. Im vorliegenden Fall seien etwa zehn Unternehmen abgemahnt worden, weil sie das Bild ohne Erlaubnis der Autorin verwendet haben. Das Foto habe die betroffene Fotografin bereits für 600 Euro verkauft, die Schadensersatzforderung sei daher nicht aus der Luft gegriffen. Bei unrechtmäßiger Nutzung würde das Honorar einfach verdoppelt.

Das Dilemma: Auch wenn der Abgemahnte Zweifel an der Höhe des Schadensersatzes und der Abmahnkosten geltend machen kann – streng genommen wird vermutlich tatsächlich mit jedem eingestellten Link bei Facebook, bei der ein Miniaturbild angezeigt wird, eine Urheberrechtsverletzung begangen, erklärt Anwalt Weiß. „Zur Vermeidung derartiger Abmahnungen können wir nur anraten, derartige Verlinkungen ausschließlich ohne Miniaturbild bei Facebook zu teilen“, erklärt der Urheberrechtsexperte.

Der Rechtsanwalt Thomas Schwenke von der Kanzlei Schwenke will sich diesem Rat nicht anschließen. Auch er glaubt, dass auch die von den Plattformen erstellten Vorschaubilder einer Einwilligung der Urheber bedürfen. Trotzdem würden für kommerzielle Betreiber von Facebook-Seiten die wirtschaftlichen Vorteile das Risiko überwiegen. „Denn Linktipps mit Bildern werden schlicht eher wahrgenommen“, schreibt Schwenke in seinem Blog.

Experten fordern Urheberrechtsreform

Nach Angaben des Anwalts nehmen Abmahnungen wegen Bildverstößen rapide zu. „Waren es letztes Jahr vor allem Blogs, die massenweise abgemahnt worden sind, scheinen sich die Abmahner nun den sozialen Netzwerken zuzuwenden“, schreibt Schwenke. Dabei werde erneut deutlich wie wenig das Urheberrecht den „modernen technischen und sozialen Entwicklungen gerecht wird“.

Netzaktivisten, Piratenpartei und Grüne fordern daher schon lange eine Reform ein an die Realität des Internets angepasstes Urheberrecht. Erste Abmahnwellen grassierten schon mit dem Aufkommen des Webs in Deutschland Mitte der 1990er Jahre. Weitere Abmahnfallen bei Facebook listet Anwalt Weiß in seinem Blog auf. Der Rechtsanwalt Arno Lampmann hatte im April 2012 von einem Fall berichtet, indem ein Facebook-Nutzer wegen eines von einem Dritten auf seiner öffentlichen Pinnwand veröffentlichten Foto abgemahnt wurde.

Andreas Weingärtner von Pixel Law sieht Facebook in der Pflicht. Es stimme, das Nutzer zur Urheberrechtsverletzung verleitet werden, ohne dass sie das möglicherweise wissen. “Aber das ist nicht das Problem des Fotografen. Facebook muss sich dem im Land geltenden Rechts anpassen und nicht umgekehrt”, sagt er.

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Kommentare (1 aus 1)

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    • [...] Abmahnkanzlei sich durchgerungen, endlich auch Vorschaubilder, die bei Facebook angezeigt werden, abzumahnen. Unglaublich. Der Gesetzgeber sieht sich veranlasst, nun endlich gegen die Abmahnindustrie [...]

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