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Wie das Netz die Wirtschaft verändert

Jugendfreie Musikwolke: Apple tauscht ungefragt Songs aus

dapd

Dass Apple amerikanische Moralvorstellungen über den eigenen Apple-Store weltweit durchsetzen will, sorgt in Europa regelmäßig für Befremden. Mit Apples Cloud-Musikdienst iTunes tilgt der Konzern dabei auch nicht jugendfreie Wörter aus Songs. Erste Berichte dazu gab es bereits im Februar 2012 – doch vielen ist Apples neuester Inhalte-Eingriff noch unbekannt. In einer E-Mail an einen Apple-Nutzer soll Manager Eddy Cue, Senior Vice President für Internet-Software und Dienstleistungen, soll einem Apple-Nutzer schon Wochen davor Besserung versprochen haben - bislang ohne Resultat.

David Pfeifer hat genug von Apple. Auf sueddeutsche.de beschreibt er, wie sich sein einst verklärtes Verhältnis zu Apple und seinem Macintosh Classic II in Feindseligkeit verwandelt hat. Einer der Gründe, die Pfeifer aufführt: Wer Apples Cloud-Service iTunes Match nutzt und eine Vorliebe für amerikanischen Hip-Hop mit expliziten Texten hat, kann sich seiner Musik nicht mehr sicher sein. Apple ersetzt bereits legal erworbene Musik mit nicht jugendfreien Texten durch eine Version, in der die nicht jugendfreien Stellen überpiept werden, berichtet der Journalist: „Wo vorher ein ‚motherfucker‘ zu hören war, wurde nun ausgeblendet oder überpiept.“ Der Service iTunes Match ermöglicht es Apple-Nutzern für 25 Euro im Jahr sämtliche Musik – egal, ob via iTunes gekauft oder nicht – auf allen Apple-Geräten über das Internet zu synchronisieren und somit überall zu nutzen.

Apple wollte zu dem Bericht nicht Stellung nehmen. Auch im Forum bei Apple gibt es entsprechende Beschwerden von Hip-Hop-Fans. Dort berichtet ein Nutzer, dass Musik, die bei iTunes in der expliziten Version gekauft wurde, auch nicht-jugendfrei bleibt. Musik allerdings, die beispielsweise von CDs ins Mp3-Format verwandelt wurde oder aus anderen Quellen abseits von iTunes stammt, würde durch die jugendfreie Version ersetzt. „Ich bin sauer“, schreibt der Apple-User. „Denn ich bin es gewöhnt, Musik so zu hören, wie sie gemeint war.“ Viele andere Nutzer bestätigen das Phänomen im Forum und rufen dazu auf, sich bei Apple zu beschweren.

Rainer Puster macht auf Twitter schon einmal scherzhafte Titelvorschläge für iTunes saubere Musikwolke: „Make love to the police“ statt „Fuck the Police“ und „Chilling in the name of“ statt „Killing in the Name of“. Doch Apples Eingriffe sind nicht auf amerikanischen Hip-Hop beschränkt – selbst Kölner Traditionsbands sind betroffen. „Arsch huh, Zäng ussenander“  - auf Hochdeutsch „Arsch hoch, Zähne auseinander“ – ist das Motto einer Kölner Kampagne gegen rechte Gewalt, das von der bekannten Kölschrockband BAP zu einem Song verarbeitet wurde. Bei iTunes wird daraus „A**** huh“, berichtet der Handelsblatt-Redakteur Bernd Kupilas auf Facebook. „Das war der Grund, sie mir dann ohne Klemm-Sternchen im Plattenladen zu kaufen.“

Der freie Journalist Nils Glück berichtet ebenfalls auf Facebook, dass ihm schon bei dem Musik-Streaming-Dienst Spotify  aufgefallen sei, dass „einzelne Tracks nachträglich durch neuere/andere Versionen ersetzt wurden“ – ohne Zustimmung des Nutzers. Allerdings habe das keine nicht-jugendfreien Songs betroffen. Spotify erlaubt einem, Musik von überall gegen eine monatliche Gebühr online hören zu können. Die Songs werden dabei allerdings – anders als bei iTunes – nicht auf Dauer erworben.

Wieder einmal wirft der Fall die Eigentumsfrage im digitalen Zeitalter auf. Was bei materiellen Gütern selbstverständlich ist, wird bei digitalen zunehmend in Frage gestellt. Aus der materiellen Welt bekannte Rechte wie der Weiterverkauf werden bei digitalen Songs, Büchern und Computerspielen häufig durch technische Maßnahmen unterbunden. E-Books oder Computerspiele werden zunehmend mit Online-Accounts verbunden, sodass sie sich beispielsweise nicht mehr gebraucht verkaufen lassen.

In Extremfällen ist es auch vorgekommen, dass in bereits erworbene Inhalte eingegriffen wurde. So löschte Amazon im Juli 2009 beispielsweise ausgerechnet eine legal erworbene Ausgabe von George Orwells „1984“ von den Geräten seiner Kunden, weil der Verlag daran gar nicht die Rechte hatte. Für einen 17-jährigen Schüler, der sich damals beschwerte, war das unglücklich: Mit dem Buch wurden auch seine digital erstellten Notizen gelöscht, die er noch für eine Schulaufgabe benötigte.

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