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Frankfurt erinnert sich an Kennedys wegweisenden Besuch

Associated Press
US-Präsident John F. Kennedy in seinem Auto während des Frankfurt-Besuchs 1963.

Vor 50 Jahren, am 25. Juni 1963, veränderte John F. Kennedys Staatsbesuch Deutschland innerhalb weniger Tage. Heute erinnert man sich vor allem ein seinen berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ am Brandenburger Tor vom 26. Juni. Aber eine Rede in Frankfurt am Tag zuvor war genauso wichtig. Sie revolutionierte Deutschlands politische Kultur und legte die Vision einer transatlantischen Partnerschaft dar, die noch heute die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA bestimmt.

Kennedy fuhr im offenen Auto durch Frankfurt, winkte den 60.000 Zuschauern zu und schüttelte sogar Hände. Als der Hessische Ministerpräsident Georg August Zinn eine Rede halten wollte, kam er kaum gegen die „Kennedy! Kennedy!“-Sprechchöre an.

„Ich war begeistert, wie alle anderen in der Menge auch“, erinnert sich der damals 22-jährige Filmemacher Andrej Bockelmann heute. „Er war jung, charismatisch und sprach von einer gleichberechtigten transatlantischen Partnerschaft. All das war für uns völlig neu.“

Und doch gab es auch Zweifel angesichts des offen zur Schau gestellten Personenkults. Menschenmassen, die einem Politiker zujubelten, weckten unangenehme Erinnerungen an den Nationalsozialismus. Für Konrad Adenauer war die Begeisterung etwas, das er seit 1945 nicht mehr erlebt hatte und das ihn offenbar ein wenig befremdete. Der US-Außenminister Dean Rusk erzählte Bockelmann in einem gefilmten Interview, dass Konrad Adenauer später zu ihm gesagt habe: „Heißt das, wir können einen neuen Hitler haben?“.

In der vergangenen Woche jubelten Tausende Barack Obama in Berlin zu. Heute kommt uns das normal vor, aber in den Jahren nach 1945 war so ein Verhalten undenkbar. John F. Kennedy war der erste Politiker, den die Nachkriegsdeutschen zu verehren wagten.

Doch Kennedys Besuch war nicht nur wegen seiner Popularität wegweisend. Seine Rede in der Frankfurter Paulskirche umriss eine Agenda der transatlantischen Kooperation. „Es war die bedeutendste Rede auf Kennedys Europareise, auch wenn sie von allem darum herum überschattet wurde“, sagt Andreas Etges, ein Historiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die Ähnlichkeiten zwischen Kennedys Rede und Obamas Agenda stechen sofort ins Auge. Kennedy sprach von der Bedeutung einer Stärkung des Handels zwischen Europa und Amerika. Zudem forderte er Europa dazu auf, Differenzen zu überwinden und „mit einem gemeinsamen Willen“ als Weltmacht aufzutreten. Heute stehen ein transatlantischer Handelspakt und die Überwindung innereuropäischer Differenzen ganz oben in Obamas Agenda.

„Die großen, freien Nationen der Welt müssen ihre monetären Probleme überwinden, damit uns diese Probleme nicht überwältigen“, sagte Kennedy in Frankfurt. Diese Worte sind heute erstaunlich relevant.

Der Teil von Kennedys Rede, der die Massen am meisten begeisterte, war seine Betonung der transatlantischen Partnerschaft. „Wir hatten das Gefühl, einen Freund zu haben“, erinnert sich Bockelmann, dessen Vater Werner Bockelmann damals Frankfurts Bürgermeister war.

Manfred Anderlohr, der 1963 elf Jahre alt war, bekam schulfrei, damit er Kennedy zujubeln konnte. „Der US-Präsident war so etwas wie ein Beschützer für uns“, erinnert er sich. „Selbst als Elfjähriger hatte ich das Gefühl, dass er unsere Freiheit verteidigte.“ Heute hängt ein Foto von John F. Kennedy in Anderlohrs Konditorei.

In dieser Woche werden eine Reihe Veranstaltungen an Kennedys Besuch erinnern. Es gibt Reden und Diskussionsrunden, und Oldtimer werden die Strecke abfahren, die Kennedy damals vom Flughafen zum Römer zurücklegte. Fünfzig Jahre nach seiner Rede ist die Begeisterung der Frankfurter für John F. Kennedy kaum abgekühlt.

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