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Wo die CeBIT-Nerds daddeln

In Halle 23 ist die IT-Messe CeBIT endlich so, wie man sich ein Treffen der Computer-, Telekommunikations- und Softwarebranche gemeinhin so vorstellt: nerdig. Überwiegend sehr junge, meist männliche Menschen, gerne im schwarzen Kapuzenpulli, starren stur in ihre Rechner und klicken, was das Zeug hält. Wer jetzt aber denkt, er wird gerade Zeuge, wie der von Kanzlerin Angela Merkel viel gelobte aufstrebende Nachwuchs etwas Bahnbrechendes programmiert oder mit einem Start-up durchstartet, irrt. Hier wird gedaddelt, was das Zeug hält – einzeln, am Messe-PC der Aussteller, oder – die weltbesten Spieler – auf großer Bühne.

Foto: Ursula Quass/ Wall Street Journal Deutschland
Vorrunde bei der Kür des weltbesten Spielers von “StarCraft II: Heart of the Swarm”

Aufgeregt kommentieren zwei Live-Moderatoren im Wechsel, was die Profi-Spieler gerade so treiben. Auf drei Großleinwänden gleichzeitig wird das Spielgeschehen übertragen. „Will he spot the spy“, „wird er den Spion erspähen“, schreit einer der Moderatoren mit sich überschlagender Stimme in das Mikrofon, während die drei gegeneinander antretenden Spieler ihre Charaktere in rasender Geschwindigkeit übers Spielfeld jagen.

Die wild moderierenden Stimmen lassen jede Fußball-Live-Übertragung lahm erscheinen und vermischen sich mit der Beschallung, die von den Einzelständen herüber dröhnt – eine Geräuschkulisse mit Kopfschmerzgarantie. Vielleicht haben die Messe-Verantwortlichen deshalb in Halle 23 eine Apotheke eingerichtet.

Die im wahrsten Sinn des Wortes ohrenbetäubende Kakophonie scheint die Fans, die die Austragung der „Intel Extreme Masters World Championship“, also der WM der Daddler besuchen, nicht im Geringsten zu stören. Gebannt verfolgen sie das Geschehen – brav aufgereiht in akkurat angeordneten Sitzreihen. Gut 450 Menschen finden darauf Platz – je Hallenseite. Auf der einen Hallenhälfte messen sich die Weltbesten im Spiel „League of Legends“, gegenüber zocken die internationalen Profispieler „StarCraft II: Heart oft the Swarm“. 150.000 beziehungsweise 100.000 US-Dollar nimmt der Beste mit nach Hause. Beim „World of Tanks Pro League Launch Tournament“ sind es 300.000 Euro in Cash. In der Mitte der Bühne, auf einem kleinen Podest, leuchtet verheißungsvoll der goldfarbene Pokal.

In den hinteren Reihen bestaunen ein paar versprengte Anzugsträger das Geschehen. Doch auch so manch anderer, der sich wohl eher zufällig in die Halle am Rande des Messegeländes verirrt hat, weiß offenkundig nicht so ganz, was er beziehungsweise sie davon halten soll. „Da sitzen die hier und spielen – und die anderen gucken zu“, fragte eine junge Frau ungläubig ihre Begleiterin. „Ja, krass, oder“, gibt diese zurück. Befremdlich wirkt das Ganze in der Tat – zumindest für alle, die sich nicht für Echtzeit-Strategiespiele, in denen in erster Linie geballert wird, begeistern können.

Und auch das, was sonst in Halle 23 geboten wird, unterscheidet sich völlig vom sonstigen CeBIT-Angebot. Sonst prägen Menschen in dunklem Zwirn das Bild, das Futuristischste sind da schon die vielen Leuchtkugeln, die über dem Messestand des Telekommunikationskonzerns Vodafone baumeln. In Halle 23 hingegen muss eine Messehostess schon auf anderem Wege das Interesse der Besucher auf sich und den Stand des taiwanesischen High-Tech-Anbieters BenQ ziehen. In einen knallengen und ultrakurzen Catsuit gewandet, ist sie von Kopf bis Fuß – sofern das bisschen Stoff eben die Haut bedeckt – lilafarben ausstaffiert. Perücke inklusive.

Schenker Notebooks aus Leipzig, laut Eigenbeschreibung „der Experte für High End Gaming Notebooks in Deutschland“, sorgt unter der Marke XMG für Getöse. Junge, extrem motivierte Menschen feuern die Menge vor dem Messestand unter dröhnenden Elektrobeats zu „XMG, XMG“-Sprechchören an. Die Botschaft, die sie an die sich vor der Bühne um ins Publikum geworfene Werbegeschenke balgende  Menge haben, ist aber auch keine andere als die der „normalen“ Aussteller in Anzug und Krawatte: „Get our stuff“ – kauft unser Zeug!

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