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Von Geburt an grün

dapd
Die Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth und Cem Oezdemir haben ein Jubiläum zum Feiern. Die Grünen sind vor 30 Jahren erstmals in den Bundestag eingezogen.

Vor allem an Freitagen in Sitzungswochen startet vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die Bundestagsrallye. Dutzende von Abgeordneten stürmen auf die Flotte von blitzblank geputzten Limousinen der Fahrbereitschaft zu, jeder möchte einen Wagen haben, Fahrgemeinschaften sind selten, es geht um den schnellsten Weg ins Wochenende. Bei ihrer Bundestagspremiere am 6. März 1983 – damals noch in Bonn – verzichteten die Grünen verächtlich auf solcherlei Statussymbole und nahmen lieber den Bus. Nach drei Jahrzehnten Politikbetrieb sind auch sie im Establishment angekommen.

 

„Die Flegeljahre liegen hinter uns und unser Lehrgeld haben wir gezahlt“, heißt es unter der merkwürdigen Überschrift „Born to be green“ auf der Internetseite der Partei.  Unter einem Foto der beiden Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin erklären die einstigen Ökos, mancher Strickpulli sei dem Anzug gewichen und statt zu stricken werde nun getwittert. Ihren einstigen Nimbus als politische Ausnahmeerscheinung haben die Grünen längst verloren, und das wissen sie auch: „Wir stehen fest zu unseren politischen Grundsätzen und kämpfen engagiert für ihre Umsetzung. Aber, wir haben auch gelernt, dass wir unsere politischen Ziele nur umsetzen können, wenn wir Mehrheiten organisieren – und das bedeutet manchmal, schmerzhafte Kompromisse einzugehen.“

 

Das allererste Parteiprogramm setzte zur Gründung im Januar 1980 noch auf den Vierklang „ökologisch, basisdemokratisch, sozial und gewaltfrei“. Das sind Ziele, die immer noch im Vordergrund stehen, aber längst anders gedeutet werden. Die Grünen sind schon lange nicht mehr die Friedenspartei, regelmäßig stimmen ihre Mitglieder Auslandseinsätzen der Bundeswehr zu. Deutschland ist immer noch einer der größten Waffenexporteure der Welt, daran hat auch die rot-grüne Regierungszeit nichts geändert.

 

Die Anpassung an den politischen Betrieb mag von vielen Parteimitgliedern bedauert werden und zu Austritten geführt haben, notwendig war sie allemal, wie das Beispiel der Piratenpartei zeigt. Die einst als Hoffnungsträger für einen neuen Politikstil gestarteten Piraten wollten so ganz anders sein, verzettelten sich jedoch in parteiinternen Scharmützeln und spielen derzeit im Bund kaum noch eine Rolle.

 

Die Grünen hingegen haben sich nach Union und SPD als drittstärkste Partei in Deutschland etabliert und könnten gar nach der Bundestagswahl am 22. September wieder Regierungsverantwortung übernehmen. Dann in Budapestern und nicht mehr in Turnschuhen, wie einst Vorturner Joschka Fischer. Und komplett verwandelt haben sich die Grünen nicht. Das Kreuzberger Urgestein, der inzwischen 73-jährige  Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele, zum Beispiel fährt in Berlin noch immer mit dem Fahrrad zur Arbeit.

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