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Infineon-Chef kämpft mit der Technik

Es ist schon eine ziemliche skurrile Situation: Da sitzt das Management eines der unbestritten innovativsten Unternehmen Deutschlands auf dem Podium und erklärt den Aktionären bei der Hauptversammlung, welche Vorteile es mit sich bringt, wenn man – als einziges Unternehmen weltweit wohlgemerkt – in der Lage ist, Leistungshalbleiter auf 100 Millimeter größeren Wafern zu produzieren. Leistungshalbleiter? Wafer? Man muss als Anteilseigner schon einigermaßen interessiert sein, was man mit seinen Aktien eigentlich hält, um hier mitzukommen. Da können sich Vorstandschef Reinhard Ploss, Finanzchef Dominik Asam und Technologievorstand Arunjai Mittal noch so sehr anstrengen, das in einfache Worte zu fassen.

Doch, und das ist die irgendwie beruhigende Nachricht für jeden, der im Kampf mit der alltäglichen Technik des modernen Lebens schon einmal verzweifelt ist: Wenn es darum geht, das Gesagte auch hörbar zu machen, sprich das Mikrofon erst an- und nach dem Statement wieder auszuschalten, ist auch ein ausgewiesenes Technik-Ass wie Ploss überfordert. Immer wieder legt er, ebenso wie Asam los, bevor er das magische Knöpfchen gedrückt hat, das die Aussagen – wie bei Hauptversammlungen allgemein üblich – bis in die Toilette überträgt.

Auch das mit dem Ausschalten ist offenkundig gar nicht so einfach. Bisweilen ist das Getuschel zwischen den Vorständen und Aufsichtsratschef Wolfgang Mayrhuber noch zu hören, wenn ein anderer am Podium schon wieder eine neue Frage aus dem Plenum beantwortet. Menschlich, irgendwie sympathisch ist das – wie auch gerade Ploss auch sonst einen angenehm, im positiven Sinn hemdsärmeligen Eindruck vermittelt – und das auch mit Jackett. Anders als so mancher Dax-Vorstand ist er, wie schon sein Vorgänger Peter Bauer, dem bei seiner ersten Hauptversammlung nach seinem krankheitsbedingten Ausscheiden viel Sympathie entgegenschlägt, ganz und gar nicht abgehoben.

Und so ist Ploss eben auch vor den technischen Finessen mit all ihren Tücken nicht gefeit. Die Fragen der Aktionäre hat er, wie seine Kollegen am Podium auch, auf einem Touchpad vor sich, das er und Asam mit ihren Bedienstiften bearbeiten, was das Zeug hält. „Haben wir noch eine Frage“, fragt Ploss nach einer Antwortrunde fast schon hilflos in die Runde. „Moment, bitte geben Sie uns einige Sekunden“, ersucht er die Zuhörer, als er zum wiederholten Mal sichtlich von der zickigen Technik aus dem Konzept gebracht wird. Asam drückt wie wild und kann Ploss schließlich beruhigen: „Nein, keine Fragen mehr!“

Mayrhuber, der sich lange tapfer gehalten hat, kommt schließlich auch noch ins Trudeln: Als er das Mikrofon endlich an hat, ist er dermaßen irritiert, dass er die Namen der nächsten Redner erst nach mehreren Versprechern sortiert bekommt.

Aber vielleicht liegt das neben der Technik auch an den Rednern: Je länger die Hauptversammlung dauert, desto kruder werden die Redebeiträge. Kleiner Ausschnitt gefällig? „Sagen Sie, Herr Ploss – äh – heißen Sie eigentlich Dr. Ploss? Sie haben ja schon eine gewisse Ähnlichkeit mit Herrn Schumacher“, sorgt ein Kleinaktionär in seiner stockend vorgetragenen Rede sowohl für Kopfschütteln wie auch für Gelächter. Ein Vergleich, den Ploss – etwaige Ähnlichkeit hin oder her – sicher nicht gern hören wird: Dem einstigen Vorstandschef Ulrich Schumacher musste Infineon nach einer jahrelangen Schlammschlacht ein millionenschweres Ruhegehalt zahlen.

Mayrhuber jedenfalls nimmt die Sache mit dem Aussehen mit Humor: Als ihn ein Kleinaktionär auf sein Foto im Geschäftsbericht anspricht, das ihn deutlich jünger erscheinen lässt als in echt, kontert er schlagfertig: Der Alterungsprozess, den er beim Blick auf das Foto erkenne, erschrecke auch ihn, witzelt er unter dem Gelächter der Anwesenden. „Doch, da kann ich Sie beruhigen, an meiner Arbeit bei Infineon liegt das nicht.“ Punkt, Satz, Sieg – wenn schon nicht technisch, so wenigstens rhetorisch. Da soll noch einmal einer sagen, dass Hauptversammlungen kein Unterhaltungspotenzial böten!

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Kommentare (2 aus 2)

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    • Werter dsar, die Scheiben sind mit 300mm um 100 mm größer als die bisherigen 200 mm Wafer, so steht das da oben und so ist es auch korrekt!

    • Die Wafer oder Scheiben sind 300 mm groß, nicht 100 wie im Artikel geschrieben

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