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Nordkorea-Souvenirs mit Gruselfaktor

Wenige Monate nach dem Fall der Berliner Mauer boten gefühllose Händler auf der Prachtstraße Unter den Linden auf klapprigen Tapeziertischen allerlei Revolutionströdel des untergegangenen Staates feil: Orden, Uniformen, Anstecknadeln, die Fahnen mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz sowie Bruchstücke des antifaschistischen Schutzwalles.

Screenshot/kfashop
Revolutionär kitschig: Tasche aus dem Nordkorea-Fanshop.

Die sozialistische Revolution auf deutschen Boden, die in einer realsozialistischen Diktatur erstarrt war, befand sich im Ausverkauf. Es scheint, dass Nordkorea aus dieser Erfahrung gelernt hat: Schlussverkauf schon vor dem Systemzusammenbruch, so lautet wohl die Geschäftsidee.

Über die Seite der staatlich unterstützten Solidaritätsaktion Korea Friendship Association gelangt der virtuelle Revolutionstourist zum Onlineverkauf von Souvenirs aus der Demokratischen Volksrepublik Korea, wie der  Staat sich offiziell nennt.

Im Angebot sind hunderte Devotionalien im revolutionären Design: T-Shirts, Kappen, Postkarten, Tassen, Bierkrüge, Kalender, Poster, Anstecker und Dekokissen. Allerdings gibt es für den ganzen Ramsch insgesamt nur 13 Motive – die meisten davon zeigen waffenstarrende Soldaten mit heroischem Gesichtsausdruck.

Die Preise sind gesalzen, ein T-Shirt der Marke „Propaganda“ kostet zum Beispiel 44,99 US-Dollar. Aber die katastrophale Mangelwirtschaft des verarmten Landes, das einen grotesken Personenkult um seine politischen Führer treibt, scheint selbst vor dem Onlineshop nicht halt zu machen: Die „Baby Bodysuits“, die „Teddybears“ und die „Underwear and Panties“ sind derzeit nicht erhältlich.

Beim Geld hört die Feindschaft auf

Die literarischen Schreckensvisionen in George Orwells Buch “1984″ sind in Nordkorea grausige Wirklichkeit geworden: Die Bevölkerung ist in drei Klassen eingeteilt, in vertrauenswürdige Genossen, in schwankende Personen und feindselige Personen. Schätzungsweise wird ein Viertel der Bevölkerung zu der Klasse der feindlich Gesinnten gerechnet.

Wegen der schlechten Ernährung sind 20-jährige Nordkoreaner durchschnittlich sechs Zentimeter kleiner als Gleichaltrige aus dem Süden. Die bemerkenswerte Stabilität des Gruselregimes in Pjöngjang erklären manche Experten damit, dass die herrschende Elite sich praktisch nur noch um einige große Städte kümmert und den Rest der Bevölkerung bewusst einem täglichen Überlebenskampf aussetzt, sodass den Menschen keine Kräfte mehr bleiben, um Protest oder Widerstand zu leisten.

Schon erstaunlich, dass es eine Nachfrage nach diesen Souvenirs mit dem Gruselfaktor aus dem kapitalistischen Ausland gibt. Noch erstaunlicher ist, dass der Verkauf der hohlen Propaganda ausgerechnet über die Plattform eines Onlinehändlers aus dem Land der Erzfeinde läuft. Cafepress ist ein amerikanisches Unternehmen und hat seinen Sitz in Louisville, Kentucky.

Aber in diesem Fall gilt wohl das umgekehrte Sprichwort: „Beim Geld hört die Feindschaft auf.“

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