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EU will Lärmpflicht für Autos

dapd

Verkehrslärm belastet die meisten Menschen. Üblicherweise arbeiten Politiker, Straßenmeistereien und Autohersteller daran, dass er weniger wird. Doch das Europaparlament will Autogeräusche künftig verordnen.

Das klingt schizophren. Tatsächlich aber schnurren Elektroautos den Abgeordneten zu leise durch die Straßen – gefährlich leise für Fußgänger und vor allem sehbehinderte Menschen. Eine Geräuschpflicht will das Parlament deshalb in einer neuen EU-Verordnung verankern, die die EU-Gesetzgeber in Brüssel planen. Eigentlich hat diese Verordnung eine Verringerung des Verkehrslärms zum Ziel.

Fußgänger sind an die Geräuschkulisse von Verbrennungsmotoren gewöhnt, argumentieren die Parlamentarier. Sie würden die extrem leisen Elektroautos nicht rechtzeitig wahrnehmen. Besonders beim Anfahren und bei geringer Geschwindigkeit, wenn die Reifen kaum Abrollgeräusche erzeugen, sind die umweltfreundlichen Elektroautos zu geräuscharm. Und immerhin sollen in sieben Jahren eine Million davon über deutsche Straßen rollen, wenn es nach der Bundesregierung geht.

Die Hersteller wollen die Europapolitiker deshalb verpflichten, akustische Warnsysteme in jedes Elektro- und Hybridfahrzeug einzubauen, sogenannte AVAS. Die sollen ein „dauerhaftes Geräusch“ erzeugen, das dem eines Fahrzeugs derselben Klasse mit Verbrennungsmotor ähneln soll. Fahrtrichtung, Bremsen, Beschleunigen – all das sollten Fußgänger auch beim Elektroauto hören können.

Die futuristischen Geräusche des Space Sound Generators, den der Autozulieferer Brabus dem amerikanischen Tesla Roadster spendiert hat, dürften da kaum reichen. Und auch bellende oder singende Elektroautos, wie sie die EU-Kommission in ihrem Gesetzesvorschlag Ende 2011 zumindest nicht ausgeschlossen hatte, wären damit tabu. Die Kommission wollte es den Herstellern überlassen, ob und mit welchen akustischen Warnsystemen sie ihre Stromer ausstatten. Nur ein Verbot für Sirenen oder Glockengeläut war vorgesehen. Zu Tiergeräuschen und Melodien hieß es lediglich, sie „sollten vermieden werden“.

Da die Geräuschpflicht Teil einer Lärmschutzverordnung ist, haben die Parlamentarier sich auch mit der Obergrenze beschäftigt und festgelegt, dass das künstliche Motorengeräusch eines Elektroautos nicht lauter sein darf als sein abgasträchtiges Pendant.

Die Lautstärke herkömmlicher Autos soll spätestens acht Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung höchstens 68 Dezibel erreichen. Derzeit sind 74 Dezibel erlaubt. Ein Trost für Motorsportfans: PS-starke Autos dürfen bis zu sechs Dezibel lauter sein. Dafür will das Parlament eine eigene Kategorie für Sportwagen einführen, deren Geräuschkulisse nach Aussagen des Europaabgeordneten Matthias Groote dann viermal so laut sein dürfe wie die eines VW Golf.

Ob ein Elektroauto, das wie ein Sportwagen aussieht, den Golf tatsächlich um das Vierfache übertönen darf, wird sich im weiteren Gesetzgebungsverfahren zeigen. EU-Parlament und die EU-Mitgliedstaaten müssen sich noch auf einen gemeinsamen Text einigen, bevor die „Geräuschpflicht“ für Elektroautos EU-weit in Kraft tritt.

Laut Europäischer Umweltagentur erhöht Straßenlärm ab 55 Dezibel die Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Schäden beim Menschen, sogar Organversagen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind möglich. 55 Prozent der Bevölkerung in Ballungsgebieten mit mehr als 250.000 Einwohnern seien Straßenlärm über diesem Grenzwert täglich ausgesetzt.

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Kommentare (2 aus 2)

Alle Kommentare »
    • Für Blinde Menschen sind Elektroautos LEBENSGEFÄHRLICH!!! Elektroautos sind für Blinde Menschen einfach zu leise!

    • Ja gehts noch?
      Auf der einen Seite soll Lärm über 55 dB schädlich sein und auf der anderen Seite sind Elektroautos zu leise.
      Was soll das? Jeder der sich auf öffentlichem Raum bewegt hat dafür zu sorgen, das er sich und andere nicht gefährdet. Dazu gehört auf aufzupassen und sich mit seinen Sinnen zu orientieren und nicht achtlos auf die Strasse zu rennen. Ich fuhr schon in den 90er Jahren ein Elkektroauto.
      Warum fragen die nicht Leute die sich damit auskennen?
      Natürlich fährt man mit so einem Teil anders als mit einem Verbrennungsgefährt.
      Wenn es wirklich kritisch zu werden droht, nutzt man frühzeitig die Hupe.
      Dazu ist sie da. Aber die Schnarchnasen in ihren Elfenbeintürmen hatte da wohl wieder mal einen feuchten Traum.
      Anders kann ich das nicht interpretieren.

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