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Ein Anflug von Kulturwandel

Getty Images
Stecken die Köpfe zusammen: Jürgen Fitschen uand Anshu Jain, die beiden Chefs der Deutschen Bank.

Drei rechts, drei links und in der Mitte das Führungsduo – das ist die neue Sitzverteilung bei der Jahrespressekonferenz der Deutschen Bank. Vorbei sind die Zeiten, als Josef Ackermann alle Blicke auf sich zog und das Rampenlicht alleine genoss, während der restliche Vorstand kaum zu Wort kam. Jetzt wird geteilt.

Nach einem Lächeln für die Fotogalerie geht es selbstkritisch los, denn die jüngsten Zahlen der Bank laden nicht gerade zum Strahlen ein. Zudem will man ja den Kulturwandel verkaufen. Also ist alles eine Spur gedämpfter als beim Vorgänger, dessen Erbe noch immer spürbar ist – besonders bei den Problemen, die das Duo zu bewältigen hat.

Und so merkt man den beiden Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain die Anspannung an, als sie sich durch ihre Reden arbeiten – mit ernster Miene, hoch konzentriert. Fitschen hat seine Brille auf die Mitte seiner Nase gerückt und schaut ab und zu über den oberen Brillenrand in die Runde. „Ein kultureller Wandel ist zwingend erforderlich“, erklärt er mit fester Stimme. Jain mit dem Übersetzungsknopf im Ohr nickt zustimmend.

Ebenso genau werden die Fragen der Journalisten abgearbeitet – wenn auch einige unbeantwortet bleiben. Trotzdem: Das Management übt sich in neuer Offenheit. Beobachter erleben das Führungsduo in Aktion. Regelmäßig stecken beide die Köpfe zusammen – begleitet vom Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Zumeist ist es Jain, der die Fragen an den Vorstand verteilt – nach Rücksprache mit Fitschen. Die nonverbale Botschaft ist klar. Hier agiert ein Team, das den beiden Hauptdirigenten folgt. Nur einmal kommt es zu einem kleinen Patzer. Da ist Finanzvorstand Stefan Krause so in seinem Element, dass er direkt auf eine Frage antworten möchte. Er schaltet sein Mikro ein, setzt an, um dann etwas verschämt nachzuhaken, ob er denn wirklich antworten solle.

Mit dieser Episode ist das Eis gebrochen, denn Fitschen und Jain lächeln Krause aufmunternd zu. Zudem ist das Ende der Veranstaltung absehbar, und die Vorstände werden sichtlich lockerer.

Ackermann hätte die Jahresshow sicherlich ganz anders geschmissen. Natürlich mit dem nötigen Quäntchen Reue, dafür dass im vierten Quartal unterm Strich Verluste von fast 2,2 Milliarden Euro stehen. Aber er hätte der Veranstaltung trotzdem den gewissen Glamour verliehen mit seinem Strahlemann-Lächeln.

Fitschen und Jain sind da anders: Sie wirken unprätentiös, fast lässig. Sie wollen nicht strahlen, sondern vermitteln, dass der Grundstein für einen kulturellen Wandel bei der Deutschen Bank endlich gelegt ist. Noch mag ihnen das keiner abnehmen, denn die Schlagzeilen der vergangenen Wochen zeichnen ein anderes Bild.

Zumindest an die Adresse ihrer Mitarbeiter geht ein eindeutiges Signal: Entweder Ihr identifiziert Euch mit unserem Kulturwandel, oder Ihr könnt gehen. Bis diese Botschaft bei einer Bank mit knapp 100.000 Mitarbeitern wirklich angekommen ist, wird es bestimmt noch eine Weile dauern. Aber die Konzernspitze versichert, sie sei bereit, „den unbequemen Weg der Veränderungen weiter zu gehen“.

Fitschen und Jain müssen hoffen, dass Deutschlands größte Bank in den nächsten Monaten von Skandalen und Durchsuchungen weitgehend verschont bleibt, damit ihnen der Wandel auch von außen abgekauft wird. Bislang steht der Kulturwandel wohl noch hauptsächlich auf dem Papier.

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