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Das wahre Berliner Problem: Wer sitzt vorne und wer hinten

Wer geglaubt hatte, die weiteren Schritte in der Energiewende, die Mindestlohn- oder Sexismusdebatte sind die Themen, die das politische Berlin umtreiben, der hat noch nicht vom wahren Berliner Problem gehört: der Sitzordnung in der Bundespressekonferenz. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag müssen sich die 14 Ministerien-Sprecher und der Regierungssprecher im Saal der Bundespressekonferenz vorne auf zwei Reihen verteilen, um sich dort den Fragen der Hauptstadtjournalisten zu stellen. In der ersten Reihe allerdings ist nur Platz für neun der 14 Ministeriumssprecher. Fünf Sprecherkollegen müssen somit nach hinten, in die zweite Reihe. In der sitzt wohl niemand gerne, und anscheinend noch weniger gerne, wenn sich der eigene Platz vorher in der ersten Reihe befand.

dapd
Verstellter Blick auf den Stein des Anstoßes: Die Sitzreihen der Bundespressekonferenz.

So beobachtet Anfang des Jahres. Da musste der Sprecher des Justizministeriums als vormaliger “Erste-Reihe-Sitzer” seinen Platz räumen und in die zweite Reihe umziehen. Dafür durfte der bis dato “Zweite-Reihe-Sitzer”, der Sprecher des Familienministeriums, nach vorne rücken. Wie war es dazu gekommen?

Wer vorne und wer hinten sitzt, darüber entschied bislang die Zahl der Fragen, die an einen Sprecher gerichtet wurde. Die Fragehäufigkeit wurde quartalsweise ausgewertet. Kochte in den aktuellen Debatten ein Thema hoch, war der Auskunftsbedarf beim zuständigen Ministerium natürlich gleich höher.

So kam es, dass wegen der Debatte um das Betreuungsgeld und der Äußerungen von Familienministerin Kristina Schröder zum Geschlecht Gottes der Sprecher im Familienministerium in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres im wahrsten Sinne des Wortes “gefragter” war als sein Kollege aus dem Justizressort. Jedes Mal mussten dann während der Pressekonferenz Familienressort- und Justizressortsprecher die Plätze wechseln. Das sorgte für Unruhe und Verzögerungen. Nicht zuletzt um das zu vermeiden, kam daher die Entscheidung zu Beginn des Jahres, das Familienministerium doch gleich in der ersten Reihe zu platzieren. Für die Justiz ging es erstmals nach hinten.

Streit um die Sitzordnung

Das ließ den Streit um die Sitzordnung eskalieren. Justizministeriumssprecher Anders Mertzlufft beschwerte sich gegen die Zurücksetzung seines Hauses. Das Justizministerium sei schließlich nicht irgendein Ministerium. Seither schwelte der Streit und eine Lösung für ein neues Vergabesystem der Sitzordnung musste her.

Ein sogenanntes “atmendes Rotationsprinzip” soll es nun richten. “Wir möchten vermeiden, dass für alle Zeiten eine Sitzordnung zementiert wird, die mit einem eventuellen langfristigen Bedeutungswandel einzelner Häuser nicht Schritt hält”, heißt es in dem Informationsschreiben der Bundespressekonferenz zur künftigen Regelung. Ab dem 1. April 2013 soll gelten: Die als “klassisch” definierten Ressorts wie Finanzen, Justiz, Verteidigung, Auswärtiges, Inneres und das Ressort des Vizekanzlers, also derzeit Wirtschaft, sitzen gesichert in der ersten Reihe. Der Justizministeriumssprecher könnte also Erfolg vermelden, scheint es. Doch es ist kein Erfolg auf ganzer Linie.

Denn – und hier kommt der “atmende” Aspekt der Lösung ins Spiel – die Platzreservierung ist nur für höchstens drei Quartale gesichert, dann könnte sie verfallen. Sollte sich herausstellen, dass Ressorts in der zweiten Reihe häufiger gefragt worden sind als die “klassischen” Ressorts, kommt es zur Rotation. Im Informationsschreiben liest sich das so: “Ist allerdings eines der “klassischen” Häuser über drei Quartale hinweg ohne Unterbrechung weniger gefragt worden als das jeweils meistgefragte Haus aus der zweiten Reihe, nimmt es für die Sitzordnung im folgenden Quartal an der Rotation teil”. Ansonsten gilt grundsätzlich, “dass am Ende jedes Quartales wie bisher die Fragehäufigkeit ermittelt und verglichen wird, ob das in der zweiten Reihe am häufigsten gefragte Ressort mehr aufgerufen wurde, als das in der ersten Reihe am wenigsten gefragte Haus. Diese beiden wechseln für das folgende Quartal die Plätze.”

Der Vorsitzende der Bundespressekonferenz Gregor Mayntz zeigte sich erleichtert, dass der Zwist beigelegt werden konnte. “Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass eine solche Nebensächlichkeit solche Dimensionen annehmen könnte”, sagte er dem Wall Street Journal Deutschland. Es komme doch nun wirklich auf die Inhalte an und nicht auf die Sitzordnung. Schließlich habe jeder der Sprecher das Recht, ja sogar die Pflicht, sich zu äußern. Die Bundespressekonferenz heiße alle Sprecher als ihre Gäste willkommen, “und zwar völlig unabhängig davon, ob sie aus der ersten oder zweiten Reihe kommen”.

Für die Sprecher jedoch, die sich jedes Mal in die Pole-Position in der ersten Reihe der Bundespressekonferenz katapultieren wollen, hat Mayntz einen kleinen Tipp parat: “Der Sprecher, der von sich aus etwas aus seinem Ministerium sagen und mitteilen will, sitzt ohnehin beim Start der Bundespressekonferenz in der ersten Reihe”. Die Ministeriumssprecher haben es somit selbst in der Hand, ob sie aus der ersten oder zweiten Reihe starten.

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