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Der ehrliche Banker

Banker haben in der Finanzkrise viel Vertrauen verspielt. Deswegen begegnet die Gesellschaft ihnen häufig mit Misstrauen. Das weiß auch der Vorstandschef der Comdirect, Online-Tochter der Commerzbank. „Uns hört man gar nicht mehr gern zu, weil uns unterstellt wird, nebulöse Eigeninteressen zu vertreten“, sagt Thorsten Reitmeyer. Für viele Banker mag das zutreffen. Aber es lohnt sich, dem großgewachsenen Mann, der mit seiner randlosen Brille und grauem Anzug dem Klischeebild des Finanzberaters entspricht, Gehör zu schenken.

Comdirect
Thorsten Reitmeyer, Chef der Comdirect.

Reitmeyer wagt nämlich das auszusprechen, was andere Bankenchefs ungern zugeben. Etwa, dass die für Kleinsparer wertvernichtende Inflation den Regierungen eigentlich ganz recht ist. Während andere Bankenchefs das eloquent wegwischen und sagen, sie glaubten nicht, dass Politiker das Vertrauen ihrer Wähler derart missbrauchen, scheut sich Reitmeyer nicht zu sagen, dass eine hohe Inflation für die Regierungen ein willkommener Weg ist, sich „schleichend zu entschulden“.

Das Niedrigzinsumfeld, sagt er, mache ihm „wirklich Sorgen”. Spätestens hier setzt ein Hallo-Wach-Effekt ein. Der ehemalige McKinsey-Mann will auch nicht in die Berater-Schublade gesteckt werden. Alles, was zu glatt, zu poliert wirken könnte, ist Reitmeyer offenbar unsympathisch. Kein Marmor in Niederlassungen, lieber sparsam haushalten, ist sein Credo.

Was ist also die Botschaft von Reitmeyer? Das wichtigste für die Kunden ist sicher seine Warnung, nicht mehr auf die alten Anlagen zu setzen, die jahrzehntelang als sicher galten. Tagesgeld, Sparbücher, all das sind Anlagen, die angesichts der niedrigen Zinsen, gekoppelt mit Inflation, Wert vernichten. Der Ansturm auf Tagesgeld ist ungebrochen hoch. Dabei sind diese Anlagen laut Reitmeyer lediglich in einem Punkt sicher: Sie verspielen die Altersvorsorge. Wenn der Ruhestand naht, sei das mühsam Angesparte nur noch die Hälfte wert.

Auch den Immobilen-Boom sieht Reitmeyer kritisch. „Unsere Kunden kaufen wie wild Immobilien, mal sehen, ob das gut geht“, sagt er.  Dagegen Aktien als etwas zu verteufeln, über das nur „dicke, verschwörerische Männer mit Zigarre in Hinterzimmern“ Bescheid wüssten, sei auch der falsche Weg.

Reitmeyer gibt offen zu, nicht die Lösung zu haben. Derzeit stehe der Kunde an einem Scheideweg, sagt er. Bevor er in die falsche Richtung abbiegt, sollte er lieber paar bittere Wahrheiten akzeptieren. Wenn mehr Bankenchefs diese beim Namen nennen und nicht smart verharmlosen, steigt auch ihre Chance, wieder Vertrauen beim Kunden zu gewinnen.

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