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Die Zeitreise der Banken

Bankenchefs geben sich neuerdings zurückhaltend. Keiner wagt konkret zu sagen, was die Zukunft bringt. Wer weiß schon, wie stark die Inflation in 10 Jahren sein wird, welche Staaten erfolgreich ihre Reformen umsetzen und ob der Euro die Schuldenkrise in Europa überlebt. Wenn überhaupt, versuchen sich die Spitzen der Branche in Durchhalteparolen und Zweckoptimismus.

dapd
Charles Dallara, Leiter der mächtigen Bankenlobby Insitute of International Finance, sieht schon die nächste Krise nahen.

Umso mehr lässt es aufhorchen, wenn ausgerechnet Charles Dallara, Leiter der mächtigen Bankenlobby Insitute of International Finance (IIF), einen sehr kritischen Blick in die Zukunft wagt und schon die nächste Krise nahen sieht. Obwohl sich das makroökonomische Umfeld in den vergangenen Monaten global stabilisiert hat, zeichnen sich laut Dallara neue Risiken ab. Vor allem die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank bereitet ihm Sorgen. Ein Richtungswechsel, also höhere Zinsen, könnte die Investoren unvorbereitet treffen, das berge die Gefahr von neuen Verwerfungen an den Finanzmärkten, warnt Dallara.

Mit seiner kritischen Prognose steht Dallara nicht alleine da. Die Strategen der Unternehmensberatung Oliver Wyman zeichnen in einer Studie aus dem Jahr 2011 eine eher beunruhigende Zeitreise in das Jahr 2015. Sie beginnt mit dem fiktiven Scheitern der weltweit ältesten Bank und erklärt im Rückblick auf die Jahre 2011 bis 2015, was alles schief gelaufen ist.

Das Unglück beginnt im Jahr 2011 – genauer gesagt damit, dass wegen der strengeren Vorschriften für Banken immer mehr Geld und nicht ausgelastete Talente in die Welt der Schattenbanken abwandern. Die Banken dürfen nicht mehr so risikoreich wie früher investieren und haben Schwierigkeiten, ihre Aktionäre und Kunden mit den mageren Renditen zu halten. Einige Institute fliehen in die Märkte rohstoffreicher Schwellenländer wie Brasilien und Russland, wo die Banken weniger streng reguliert sind. Doch in diesen Ländern bildet sich wegen hoher Staatsausgaben schon die nächste Blase. Die Staaten leihen sich von ausländischen Investoren Geld, um große Projekte zu finanzieren, und übernehmen sich dabei.

Ausgelöst durch das unterdrückte Wachstum sowohl in den entwickelten Ländern als auch den Emerging Markets fällt die Wirtschaftswelt im Szenario von Oliver Wyman schließlich in eine Rezession. Die nüchterne Bilanz der Strategen: Wieder nichts gelernt aus der Krise. Auf der Jagd nach Rendite haben Banker keinen Schatz gefunden, sondern wieder nur einen Topf mit giftigem Abfall. Die schärfere Regulierung konnte die neue Blase nicht verhindern. Das Resümee: Die Subprime-Krise im Jahr 2007 wird nicht die letzte Finanzkrise sein, die nächste steht schon vor der Tür.

Die Studie will sich lösen von dem Versuch, die Zukunft vorherzusagen. Das Undenkbare denken, sich verschiedene Szenarien vorzustellen, ist ein Weg, sich zu öffnen und nicht nur die passenden Argumente für das eigene Gedankenkonstrukt zu suchen. Dazu rief der Manager und Autor Arie de Geus bereits in den 80er Jahren auf.

Mit ihrem Szenario wollen die Autoren nach eigenem Bekunden den Leser nicht deprimieren, sondern früh genug auf Fehlentwicklungen hinweisen. Die Regulierer sollten ihr Augenmerk nicht allein darauf richten, die Risiken aus den Banken zu entfernen. Denn dann, so warnen die Strategen, würden diese Risiken woanders genommen. In den Schattenbanken, die für die Aufseher viel schwieriger zu kontrollieren seien. Ihr Tipp: Neben regelmäßigen Stresstests der Banken und Versicherer sollten die Regulierungsbehörden die Belastbarkeit des gesamten Finanzsystems auf den Prüfstand stellen – und für den Fall der Fälle vorbereitet sein.

Dieser Ansatz hat Charme. Er ist vermutlich der beste, um bei der nächsten Krise nicht so überstürzt wie bisher zu handeln. Wenn die Regulierer es wagen, sich regelmäßig ein Worst-Case-Szenario auszumalen, ist es auch gleichzeitig der sicherste Weg, eben dieses zu verhindern.

Update: Die zitierte Studie stammt bereits aus dem Jahr 2011. Wir haben das in dem entsprechenden Absatz berichtigt.

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Kommentare (1 aus 1)

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    • Die besagte Oliver Wyman Studie wurde vor mehr als einem Jahr zum Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlicht ... (die aktuelle Studie zum diesjährigen WEF hat ein völlig anderes Thema)

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