WSJ Blogs

Real-time commentary and analysis from The Wall Street Journal
Die Seite Drei
Schnelle Analysen und Beobachtungen zum Zeitgeschehen

Ben Bernanke – der große Kommunikator

Ben Bernanke hat die US-Zentralbank aus der kommunikativen Steinzeit geführt. Er hat regelmäßige Pressekonferenzen eingeführt und tritt im Fernsehen auf. Für die Federal Reserve war das früher undenkbar. Jetzt hat sich Bernanke sogar auf Twitter eingelassen. Die volle Wucht des Mediums hat er zwar noch gescheut, aber immerhin konnten bei einer Diskussionsrunde an der Uni Michigan Fragen eingereicht werden, die der wichtigste Währungshüter der Welt beantwortete. „Wir sind etwas altmodisch“, meinte er dazu lakonsich. „Aber wir kommen voran.“

Associated Press
US-Notenbankchef Ben Bernanke stand an der Uni Michigan Rede und Antwort – auch für Internet-Nutzer.

Bernanke hat damit innerhalb der verstaubten und geheimbündlerischen Welt der Notenbanker eine kleine Revolution eingeläutet, die dem professoral auftretenden 59-Jährigen so keiner zugetraut hatte. Er hat das Erbe einer Kaste ausgeschlagen, deren letzter dieser Art sein Vorgänger Alan Greenspan gewesen ist: Vieldeutige Orakel.

Greenspan verkündete seine Einfälle zur Geldpolitik, die ihm unter der Dusche gekommen waren, murmelnd, nuschelnd und am liebsten nichtssagend. „Ich sollte sie warnen – falls ich mich besonders klar ausgedrückt haben sollte, haben sie mich wahrscheinlich missverstanden“, ist sein bekanntestes Zitat. Gegen die Fed-Entscheidungen waren die Kommuniquees des Kremls zu Sowjetzeiten Offenbarungen einer klaren Sprache. Das kommunikationswissenschaftliche Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“ schien für die Zentralbankwelt außer Kraft gesetzt.

Dem hat Bernanke ein Ende gesetzt. Er hat sich auch dafür stark gemacht, klare Zeiträume zu benennen, wie lange Zinsen niedrig bleiben und wie stark die Arbeitslosigkeit sinken soll. Ob er bald selbst in die Tasten hauen wird, um die Welt mit 140 Zeichen langen Nachrichten zu überraschen, steht aber noch in den Sternen. Das überlässt er anderen, die sich in Fake-Accounts über die 1-Billion-Dollar-Münze lustig machen oder Häme gegen den Bundesbankchef verteilen.

Am meisten, erklärte Bernanke, interessiere er sich unter den neuen Medien für Blogs über Baseball. Aber er scheint auch ab und zu in Foren über die Geldpolitik zu lesen. „Das Internet ist eine gute Plattform für den intellektuellen Austausch.“

Die Fed ist etwas altmodisch. Aber sie kommt voran.

Kommentar abgeben

Wir begrüßen gut durchdachte Kommentare von Lesern. Bitte beachten Sie unsere Richtlinien.

Die Seite Drei – Über uns

  • Schnell und kurz bringt „Die Seite Drei“ Einschätzungen, Hintergründe und Ergänzungen zu den Berichten des Wall Street Journal Deutschland. Hier bloggt die ganze Redaktion.

    Hinweise zu Themen, Anregungen und Ihre Fragen nehmen wir unter redaktion@wallstreetjournal.de entgegen.