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Ein Split für die Türkei

Die Türkei und eine galoppierende Inflation – das gehörte lange Zeit zusammen wie das Amen zur Kirche. Seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts hat das Land am Bosporus das Problem aber halbwegs in den Griff bekommen. Zumindest einstellige Preissteigerungsraten sind seitdem die Normalität. Aber an einem Ort geht es immer noch mit den altbekannte Steigerungsraten nach oben: am türkischen Aktienmarkt.

Auch wenn es immer wieder verlustreiche Unterbrechungen gab – in diesem Jahrhundert dominierten an der Börse die zweistelligen Zuwachsraten pro Jahr. 2012 gab es im Leitindex, dem ISE National 30, ein sattes Plus von 59 Prozent – so viel wie an keiner anderen Börse in Europa. Am Donnerstag nun hat der Index die Schallmauer von 100.000 Punkten durchstoßen.

Das klingt nicht nur sensationell, das ist es auch. Denn so lange gibt es das Börsenbarometer noch gar nicht und es hat klein angefangen. Am 27. Dezember 1996 startete der Index mit einem Wert von 976 Punkten. Er hat sich also innerhalb von 16 Jahren mehr als verhundertfacht. Wohl dem Anleger, der damals seine Altersvorsorge der türkischen Wirtschaft anvertraut hat.

Deutlich wird der Unterschied im Vergleich zu Deutschland: Der Dax notierte am Premierentag des ISE-30 schon bei 2.859 Punkten. Heute steht er bei lediglich bei 7.760, hat sich also im gleichen Zeitraum nicht mal verdreifacht.

Auf der anderen Seite mag natürlich niemand gern diese Riesenzahlen im Index. Wenn es in dem Tempo weiterginge, stünde noch in diesem Jahrzehnt die Millionengrenze auf der Agenda. Der ständige Umgang mit sechs- oder gar siebenstelligen Ziffernreihen ist für alle Beteiligten einfach unpraktisch. Und für abgeleitete Finanzprodukte wie Zertifikate muss er ohnehin heruntergebrochen werden.

Am Aktienmarkt gibt es dafür das bewährte Instrument des Aktiensplits – hier wäre also langsam mal ein Indexsplit angeraten. Das ist weniger verrückt als es klingt. Beim breiter angelegten ISE-100-Index hat die Börse in Istanbul genau das im Dezember 1996 im Verhältnis 100 zu 1 gemacht.

Oder geht es der Türkei vielleicht um die globale Strahlkraft der großen Zahl? Mal abgesehen davon, dass das seriös aufstrebende Land ein solches Gepratze nicht nötig hat: Sollte die Türkei mit dem ISE wirklich den Punkterekord erreichen wollen, müsste der ISE noch kräftig weiter galoppieren. Der derzeitige Krösus unter den weltweiten Indizes, der IBC-Index der Börse in Caracas liegt aktuell bei 471.444 Punkten – und 2012 ging es in Venezuela um atemberaubende 300 Prozent nach oben.

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Kommentare (1 aus 1)

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    • ist das denn nun schlecht oder gut wenn man 100’000 aks index hat? kann mir das ein Börsen Heini erklären?

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