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Breuer hätte schweigen müssen

Ein schwarzer Tag für die Deutsche Bank. Zehn Jahre lang streitet sie im Kirch-Prozess über die Frage: Ist der ehemalige Vorstandschef Rolf Breuer wegen eines allzu lockeren Interviews verantwortlich für den Untergang des Kirch-Konzerns? Oder hatte Rolf Breuer nur das gesagt, was ohnehin jeder wusste? Nun haben die Richter endlich entschieden, was eigentlich klar war: Breuer hätte schweigen müssen.

Lektion Nummer eins bei einer Bankenlehre: Das Institut darf nichts über ihre Kunden ausplaudern. Das nennt man auch Bankgeheimnis.

Lukas Barth/dapd
Rolf Breuers Plauderei kommt die Deutsche Bank teuer zu stehen.

Dieses hat Breuer nach Urteil der Richter verletzt, als er in einem Interview die Frage nach Kirchs Kreditwürdigkeit mit folgenden Worten beantwortete: „Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.“

Die Frage, ob Kirch damals ohnehin finanziell am Ende war oder ob Breuers Worte der finale Schuss waren, ist dabei sekundär.  Eine Bank darf sich zu ihren Kunden nicht äußern. Punkt. So wie ein Arzt auch nicht über seinen prominenten Patienten sagen darf: „Von dem was man liest und hört wird er es wohl nicht mehr schaffen.“

Denn diese Aussage beinhaltet sehr wohl eine eigene Wertung. Eine Bank oder ein Arzt wissen eben mehr als Dritte. Wenn sie das Gelesene oder Gehörte zitieren, dann nur, wenn sie die Einschätzung teilen. Genauso gut hätte Breuer damals sagen können: Der Finanzsektor ist nicht mehr bereit, Kirch Geld zu geben.

Jeder kann sich mal verplappern. Doch Breuer war nicht irgendwer. Er war Chef der Deutschen Bank, die einem Tochterunternehmen des in Not geratenen Kunden Leo Kirch einen Kredit gewährt hatte. Damit verletzte Breuer seine Schutzpflicht.

Es liegt eine gewisse Arroganz bei der Deutschen Bank, nicht frühzeitig alles dran gesetzt zu haben, diesen Fehler wieder gut zu machen. Möglichkeiten hatte sie genug.  Breuer und Kirch hatten sich geduzt. Es war also eine persönliche Ebene da, die eine Grundlage für Verhandlungen schaffte. Ein früher Vergleich wäre sicher der beste Weg gewesen. So aber ist auf beiden Seiten viel Porzellan zerbrochen.

Den inzwischen verstorbenen Medienunternehmer Kirch hat dieser Streit zerfressen. „Der Rolf hat mich erschossen“, waren seine Worte. Auch der 75-jährige Breuer hat sich selbst der Chance beraubt, nach diesem Patzer seinen Frieden zu finden. Er fehlte bei der Urteilsverkündung.

Der Deutschen Bank kam der zehn Jahre dauernde Prozess teuer zu stehen. Sie will weitermachen und erwägt eine Nicht-Zulassungsbeschwerde beim Bundesgerichtshof. Die Prozesskosten liegen inzwischen Schätzungen zufolge bei einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Ganz zu schweigen von den Negativ-Schlagzeilen. Am Ende haben wohl alle verloren.

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