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Bei Anruf Kunst

Associated Press

Christan Wulff hat es derzeit nicht leicht. Erst plaudert seine Frau Bettina in ihrem Buch “Jenseits des Protokolls” Intimes aus dem famliären Nähkästchen aus. Und jetzt hat auch noch ein Berliner Maler Wulffs Mailboxnachricht an den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann für die Nachwelt auf Öl verewigt.

Jene Nachricht, die vor einem Jahr die “Affäre Wulff” ins Rollen brachte, ist bislang nicht im vollen Wortlaut bekannt. Man weiß, dass der damalige deutsche Bundespräsident einen Bericht der Bildzeitung über die besonders günstigen Konditionen seines Hauskredits verhindern wollte und dabei durchaus martialisch anmutende Ausdrücke gebrauchte. Für ihn und seine Frau sei der “Rubikon” überschritten, soll Wulff auf der Mailbox hinterlassen haben und Diekmann einen “endgültigen Bruch” und “Krieg” mit Springer angedroht haben.

Seit einem Jahr rätselt die Nation über die exakten Worte der inzwischen geheimnisumwitterten Nachricht, die zu Wulffs Rücktritt geführt hat. Bald soll das Geheimnis gelüftet werden.

Bereits im vergangenen Winter überließ Diekmann den Text der Nachricht dem Berliner Maler Clemens von Wedel, der seitdem an der künstlerischen Umsetzung des Staatsaffäre gearbeitet hat. Entstanden sind sechs große Ölbilder, auf denen die Textpassagen zu lesen sind, wenn auch mit etwas Mühe, denn der Künstler hat sie neu zusammengestellt. Der Wulff-Zyklus soll vom 12. Dezember an, also dem Jahrestag von Wulffs Anruf bei Diekmann, in Berlin ausgestellt werden.

“Der Text hat sehr viel mit meinem Leben zu tun, denn Machtmissbrauch und Mittelmäßigkeit ziehen sich wie eine Schleimspur durch meine Biographie”, sagte von Wedel dem Magazin Cicero, das drei der Bilder vorab auf seiner Webseite veröffentlicht hat. “Je subjektiver ich die Dinge in meiner Kunst angehe, desto näher komme ich ihnen, desto tiefer kann ich gehen”.

Der Maler stößt sich auch daran, dass Wulff seiner Rolle als “Landesvater” so wenig gerecht geworden sei. “Eigentlich hat der Bundespräsident schon in meinen frühesten Kindheitserinnerungen etwas Väterliches, Verantwortliches – und er hat seine Finger aus diesem schmutzigen, alltäglichen politischen Zirkus zu halten”, sagte er dem Magazin.

Möglicherweise ist der Diekmann-Freund da auch von Haus aus sensibel. Der Maler ist eigentlich Graf von Wedel, auch wenn er sich damit nicht ansprechen lässt. Die Bild-Zeitung schrieb vor vier Jahren über ihn: “Sein Ururgroßvater kämpfte an Napoleons Seite, sein Urgroßvater war Oberstallmeister bei Kaiser Wilhelm II. Er selbst? Keine Ausbildung, Abitur geschmissen, beim Militär rausgeflogen. Doch als Maler genial.”

Mit seinem Zyklus dürfte von Wedel jedenfalls dazu beitragen, dass die “Affäre Wulff” noch lange im Gedächtnis bleibt. Denn: “Menschen erinnern sich der Historie fast ausschließlich in Bildern”, wie Kai Diekmann im Mai 2009 bei einer Ausstellungseröffnung sagte. Und mit Bildern kennt sich der Chefredakteur der Bild-Zeitung sehr gut aus: “Das ist die Kernkompetenz unserer Zeitung”, sagte der Kunstfreund seinerzeit.

Der ganz große Durchbruch war von Wedel bislang noch nicht vergönnt, trotz der Unterstützung des Bild-Chefs. Vielleicht klappt es ja dieses Mal.

Die Ausstellung ist ab dem 12. Dezember in der “Denkerei” am Berliner Oranienplatz zu sehen.

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