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Der Mensch als Wachstumswundertüte

dapd
In der Wohlstandsgesellschaft wandeln sich Volksempfinden und Rechtsprechung und damit die Vorstellungen von Lebensqualität und Wachstum: Mensch und Tier rücken näher zusammen.

Der aktualisierte Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums kommt zu dem Ergebnis, dass Bevölkerungswachstum und Ressourcenverbrauch unser wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell bis spätestens 2100 scheitern lassen werden. Ich halte diese Befürchtung aus verschiedenen Gründen für übertrieben.

Der grundsätzliche Fehler, der solchen Studien anhaftet, ist, dass sie auf dem heute Denkbaren basieren, auf dem aktuellen Stand von Technik und Technologie sowie den derzeit bekannten Ressourcen und den Determinanten der bisherigen Bevölkerungsentwicklung. Aber Technologien entwickeln sich ständig, bisweilen rasant und unter großen Qualitätssprüngen. Ressourcen sind aus verschiedenen, auch technologischen Gründen nicht statisch. Und die Bevölkerungsentwicklung ist ebenfalls nicht unempfindlich für äußere Einflüsse.

Das Ende des Wachstums, wenn man das so postulieren will, würde allenfalls eine Art asymptotische Annäherung an die Nulllinie sein. Wir würden diese Null vermutlich nie erreichen. Auf dem unendlichen Weg zur Null würden sich zahllose Nischen und Auswege für Wachstum bieten. Solange und wo Wachstum nötig ist, wird es da sein. Wo nicht, gibt es kein oder nur schwer messbares Wachstum.

Global gesehen dürfte die Wirtschaft dort wachsen, wo die Bevölkerung wächst. Und es wird Wachstum in den Regionen geben, die es verstehen, sich als Lieferanten und Dienstleister der„primär“ wachsenden Ökonomien zu etablieren. Europa ist heutzutage nicht gerade das Epizentrum des weltweiten Wirtschaftswachstums, aber es lebt mit dieser Dienstleisterrolle nicht schlecht. Derzeit beliefert die europäischen Industrie zum Beispiel China mit Maschinen und Anlagen. Natürlich bauen die Chinesen und andere Importeure vieles davon bald auch selbst.

Darauf können Europa oder andere auf Export orientierte Regionen auf unterschiedliche Weise reagieren. Sie könnten ihr Bevölkerungswachstum einschränken und sie könnten ihre Produktpalette erweitern. Beides ist schon jetzt zu beobachten.

Die Bevölkerung in den am stärksten industrialisierten Ländern schrumpft bereits. Schwaches oder nichtexistentes Bevölkerungswachstum sind geradezu ein Erkennungsmerkmal moderner Gesellschaften. Das wird einerseits beklagt. Andererseits zeigt dieses Phänomen, dass die Menschheit ihre Ressourcen nicht wie vom Club of Rome unterstellt mit Volldampf verbrauchen wird.

Wo es keine Wachstumsaussichten gibt, nimmt auch die Bevölkerung nicht mehr zu. In den betroffenen Industrieländern wird zu diesem Thema viel geforscht, und die Politik versucht vergeblich, den Trend mit sozialpolitischen Maßnahmen umzukehren: Gegen die Schwarmintelligenz der Wohlstandsgesellschaft ist sie aber machtlos.

In dieser von fast 70 Jahren Frieden begünstigten Wohlstandsgesellschaft hat ein Paradigmenwechsel bei Volksempfinden und Rechtsprechung stattgefunden – weg von Geburtenmaximierung um jeden Preis, hin zur Betonung der sexuellen Selbstbestimmung. Beispiele: Empfängnisverhütung ist allgemein üblich, das Abtreibungsverbot stark gelockert, Vergewaltigung in der Ehe ist ein Straftatbestand, die Homosexuellen emanzipieren sich.

Zugleich begreifen die Menschen Tiere immer weniger als Nahrungsmittel und immer mehr als Gefährten. Der Vegetarismus greift um sich, und wer es sich leisten kann, kauft „Bio“. Der Bösewicht in Disney-Filmen ist immer ein Tierfeind. Das alles geht einher mit einer allgemeinen Individualisierung, die die Menschen immer partnerschafts- und damit fortpflanzungsunfähiger macht.

Ist das noch der gleiche Mensch, der vor 100 Jahren zwölf Kinder in die Welt setzte, von denen sechs nicht älter als drei Jahre wurden und vier in Kriegen starben? Nein – die Menschwerdung ist noch nicht am Ende. Wir setzten auf Klasse statt Masse und auf Genuss statt Krieg und Schlachteplatte. Gleiches könnte auch für das Wirtschaftswachstum gelten. Aber dazu später mehr.

Auch auf der Angebotsseite wirken Faktoren, die eine baldige Ressourcenerschöpfung unwahrscheinlich machen, indem sie vorübergehend das Wachstum bremsen – zum Beispiel die Preise. Wird ein Gut knapp, oder droht es auch nur irgendwann knapp zu werden, (über)reagieren die Finanzmärkte. Die Preise knapper Güter steigen, der Verbrauch wird eingeschränkt, gleichzeitig führen höhere Preise und neue Technologien zur Erschließung neuer Ressourcen.

Ein schönes Beispiel für solche Prozesse zeigt sich gleichermaßen am Öl- und am Automarkt. Die Erkenntnis, dass die Ölreserven (zu aktuellen Preisen) endlich sind, führt zu höheren Preisen, diese lösen einen technologisch bedingten Schiefergas-Boom und die Erschließung bis dahin zu teurer Ölsandvorkommen in Kanada aus. Dann sinkt der Preis, es werden (zunächst) keine neuen Vorkommen erschlossen.

Außerdem verbrauchen moderne Kraftfahrzeuge immer weniger Treibstoff – was global gesehen auch nötig ist, weil immer mehr Chinesen Auto fahren. Ökonomen haben Mühe, derartige Einzelprozesse und ihren Einfluss auf die Märkte im Nachhinein korrekt nachzuvollziehen. Wie können sie hoffen, die Entwicklung eines so komplizierten und Wechselwirkungen unterliegenden Systems wie die Weltwirtschaft auf hundert Jahre vorherzusagen?

Nun zur Erweiterung der Produktpalette und den Chancen künftigen Wachstums. Hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Eines der Felder könnte zum Beispiel die Gesundheitsindustrie sein, um ein herkömmliches Wort zu verwenden. Aber man könnte auch von einer Unsterblichkeitsindustrie sprechen. In den alternden Industrieländern streben die Menschen danach, ihre individuelle Reproduktion zu steuern und sich unsterblich zu machen. Anschließend werden sie gezwungen sein, sich mit den Nebenwirkungen auseinanderzusetzen. Der Mensch dechiffriert sein Erbgut, merzt Erbkrankheiten aus, überlässt bei der Reproduktion immer weniger dem Zufall und konstruiert sich schließlich selbst.

Das ist keine reine Utopie mehr, das erleben wir gerade jetzt, begleitet von ethisch-religiösen Rückzugsgefechten. Es geht um die Verlängerung des Lebens, letztlich die Unsterblichkeit. Unsterblichkeit wäre ein toller Exportartikel. Und sie würde zugleich viel neue Probleme schaffen. Die Menschwerdung ist auch hardware-seitig noch nicht am Ende – ob mit oder ohne Wachstum.

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