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Steinbrück steht sich selbst im Weg

Clemens Bilan/dapd
Peer Steinbrück am Dienstag im Bundestag.

„Das größte Problem für Steinbrück heißt Steinbrück“, wird in der SPD inzwischen nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gesagt. Nach dem verpatzten Start legte der designierte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück jetzt noch einmal nach und liefert ein erneutes Beispiel seiner Beratungsresistenz. Nur wenige Tage war der umtriebige Investor und Kunstmäzen Roman Maria Koidl Berater im Wahlkampf-Team von Steinbrück. Jetzt musste er gehen.

Schon  die Nominierung des 45-jährigen Autors löste in SPD Entsetzen aus und weckte böse Vorahnungen. Hat denn keiner genauer auf den Lebenslauf des Investors geschaut, hieß es. Schnell wird klar, es gab warnende Stimmen, die Steinbrück in den Wind schlug. Koidl arbeitete einst als Berater des Investmentfonds Cerberus Global Investors und des Investment Fund Värde Partners Europe. Vor allem Cerberus gilt als Beispiel der Hedgefonds, die Ex-Parteichef Franz Müntefering vor etwa sieben Jahren mit seiner Heuschrecken-Debatte gemeint hat. Cerberus ist in Deutschland vor allem auf dem Immobilienmarkt aktiv und hat unter anderem die Wohnungen der „Neuen Heimat“ aufgekauft.

In den 1990er Jahren gründete Koidl die Kaffeehauskette World Coffee, die er später verkaufte. Auch als Investor der Konfiseriekette Most Chocolat stieg der gebürtige Österreicher ein, musste aber 2002 Konkurs anmelden. Als Autor versuchte sich Koidl als Frauenversteher und veröffentlichte Bücher mit Titeln wie „Scheißkerle: Warum es immer die Falschen sind“ und „Blender“, die erfolgreich waren.

Gero Breloer/AP/dapd
Nicht mehr Steinbrück-Berater: Roman Maria Koidl.

Der Sitz seiner jetzigen Firma ist das Steuerparadies Schweiz. Sich selbst bezeichnet der Lebenspartner von TV-Moderatorin Caroline Beil auf seiner Homepage als Markenmacher. Koidl ist zudem weder durch politisches Engagement noch durch eine besondere Online-Kompetenz aufgefallen. Viele Genossen rätseln deshalb, was Steinbrück wohl dazu brachte, Koidl in sein Team zu holen. Angeblich haben sich beide über den gemeinsamen Verlag Hoffmann & Campe kennengelernt.

Einmal mehr gibt die Personalie aber Aufschluss über Steinbrücks Schwächen. Auch in der Debatte über seine Nebeneinkünfte von etwa zwei Millionen Euro gab sich der designierte Kanzlerkandidat uneinsichtig. Erst als die  SPD die ausufernde Debatte nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, erklärte sich Steinbrück zur Offenlegung der Honorare für Vorträge bereit. Besonders sein 25.000-Euro-Honorar für eine Veranstaltung bei den Stadtwerken Bochum stieß den Genossen bitter auf. Immerhin gehört Bochum zu den Kommunen mit einer chronisch klammen Stadtkasse. Erst nach langem Hickhack erklärte sich Steinbrück bereit, das Geld für gemeinnützige Einrichtungen zu spenden.

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