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Bei Anruf wird geknuddelt

Die Fernsehserie „The Big Bang Theory“ ist ein Phänomen. Überall auf der Welt erfreut sich die Sendung großer Beliebtheit – in allen Altersgruppen und bei Frauen wie Männern. Dabei ist die Handlung vollkommen untypisch: Ein paar Wissenschaftler hocken in einem Wohnzimmer herum und tun das, was Nerds laut allgemeinem Verständnis halt so tun: Comic-Hefte lesen, mit Laserschwertern kämpfen, mathematische Gleichungen lösen und sich in fremde Computer hacken. Klingt wenig spektakulär, ist aber ein Hit.

Um ein wenig Würze in die Sache zu bringen, haben die Macher nämlich auch noch ein paar Frauen in die Handlung hineingeschrieben. Da gibt es die hübsche blonde Nachbarin, die seltsamen Laborpartnerinnen und die Schwester des Freundes aus Indien, die manchmal zu Besuch kommt. Trotz all der offensichtlichen Hürden entstehen im Verlauf der Sendung geschlechterübergreifende Verbindungen, die auch über größere Entfernungen (USA-Indien oder Weltraum-USA.) anhalten. Doch wie das mit Fernbeziehungen so ist, die körperliche Nähe bleibt auf der Strecke. Und da hilft auch kein Video-Chat.

Um das Problem zu lösen, „erfindet“ einer der Wissenschaftler daher einen Kopf mit Mund und Zunge – in zweifacher Ausfertigung. Per Internet miteinander verbunden, soll ein Pärchen damit auch über größere Distanzen hinweg Küsse austauschen können. Um die Theorie in die Praxis zu überführen, wird die Apparatur auch gleich getestet.

Was auf dem Bildschirm nach einer Schnapsidee aussieht, scheint in Wirklichkeit gar nicht so weit hergeholt zu sein. Informatiker der Universität Helsinki und Forscher des Nokia Research Center in Finnland haben jetzt nämlich einen Handyprototypen entwickelt, mit dem man seinen Telefonpartner berühren können soll.

Möglich machen sollen das sogenannte Pressages. Drückt einer der Besitzer während des Telefonats einen eingebauten Sensor, dann vibriert das Gerät des Gesprächspartners. Das Ziel der Wissenschaftler: Sie wollen Berührungen am Telefon nachahmen und die rein verbale Kommunikation um einen haptischen Faktor erweitern.

Drei Pärchen in einer Fernbeziehung haben die Technik ausprobiert. Einen Monat lang schickten sie sich Pressages zu, um ihre Zuneigung zu zeigen oder den Partner zum Lachen zu bringen, schreibt NewScientist. Anscheinend mit Erfolg. Ein Teilnehmer berichtet, die Technik half dabei, sich ein wenig besser auszudrücken.

Vom „knuddelbaren“ Handy, wie NewScientist schreibt, zum ferngesteuerten Kussmund ist es zwar noch ein weiter Weg. Doch in einer Zeit, in der Fernbeziehungen längst keine Seltenheit mehr sind, muss man eben erfinderisch sein und die Möglichkeiten der modernen Technik ausreizen so gut es eben geht.

Das ersetzt zwar längst nicht den persönlichen, den echten, den hautnahen Kontakt. Doch vielleicht ist mit Pressages ja ein erster Anfang gemacht. Und so lange die Wissenschaftler der Big Bang Theory noch keine Lösung dafür gefunden haben, sich per Teleportation innerhalb weniger Sekunden von einem Ort zum anderen zu beamen, so lange müssen wir eben unsere Handys „knuddeln“.

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