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Freenet zeigt: Peugeot fällt ins Bodenlose

Von Nico Schmidt und Benjamin Krieger

 

Vergleicht man Peugeot-Citroen und Freenet, dann fallen einem keine direkten Gemeinsamkeiten ins Auge. Die einen bauen Autos, die anderen verkaufen Mobilfunkverträge. Seit Donnerstag gibt es allerdings etwas, dass beide Unternehmen gleich macht – ihr Börsenwert.

Nachdem die Citigroup nämlich das Anlageurteil für Peugeot auf „Verkaufen“ heruntergenommen hatte, rutschte die Aktiennotierung der Franzosen auf den niedrigsten Stand seit fast 27 Jahren. Letztmals wurden die Papiere im Februar 1986 auf dem aktuellen Niveau von gut 4,60 Euro gehandelt.

Der Börsenwert der Franzosen ist damit auf gerade einmal 1,7 Milliarden Euro geschmolzen. „Die Marktkapitalisierung ist nur noch etwas größer als die von Freenet“, rechnet ein Aktienhändler vor.  Der Schrumpfkurs, den Peugeot eingeschlagen hat, ist rasant: Auf dem Jahreshoch der Aktie am 22. Februar war der Konzern an der Börse immerhin noch mehr als sechs Milliarden Euro wert.

Wer die Peugeot-Aktie auf dem Allzeithoch vom 24. Juli 2007 gekauft und dafür 52,92 Euro bezahlt hat, der hat seitdem einen Verlust von unglaublichen 90 Prozent zu beklagen. Die Marktkapitalisierung war seinerzeit zehnmal so hoch wie heute – ein eindeutiges Signal dafür, dass das Ansehen und die Bedeutung der Franzosen seither deutlich gelitten haben.

Dass der französische Traditionskonzern in etwa den gleichen Wert hat wie Freenet, der Telekomanbieter aus dem TecDax, ist kaum zu glauben, vergleicht man die schieren Dimensionen beider Unternehmen. Während Freenet in Büdelsdorf 100 Kilometer nördlich von Hamburg mit rund 4.000 Mitarbeitern 2011 einen Umsatz von gut 3,2 Milliarden Euro Umsatz machte, nahm PSA im selben Zeitraum knapp 60 Milliarden Euro ein – ein Konzern mit etlichen Werken und einer 50-fach größeren Belegschaft. Die Franzosen sind damit zweitgrößte Autobauer Europas.

Dass die Investoren beiden Konzernen den gleichen Wert zumessen, ist ein trauriges Sinnbild für die prekäre Lage der Autoindustrie in Europa. Seit fast fünf Jahren schrumpft ihr Heimatmarkt, die Rezession nach der Staatsschuldenkrise hat die ohne schwierige Situation massiv verschärft. Auch im kommenden Jahr sehen Experten die Branche im Rückwärtsgang.

Autobauer, die nicht auf Wachstumsmärkten wie China und Brasilien aktiv sind, haben wenig Chancen, der Krise zu entkommen. Der auch mit Preisen geführte Kampf um Marktanteile und chronische Überkapazitäten erlauben es PSA, Opel, Ford und Fiat nicht, hierzulande Geld zu verdienen.

In der Finanzkrise 2008/09 wurde die Chance vertan, das Problem der überzähligen Produktionsanlagen in den Griff zu bekommen. Stattdessen hielt die Politik die Autokonjunktur mit Abwrackprämien künstlich am Laufen. So klamm, wie die öffentlichen Kassen jetzt sind, gibt es diese Möglichkeit nun nicht mehr – sogar die EU wird mittlerweile um Hilfe gebeten, weil die Konzerne mit dem Niedergang überfordert scheinen.

Bei Autobauern, die weltweit produzieren und verkaufen, sieht die Lage anders aus. Paradebeispiel ist der Volkswagen-Konzern. Zwar kann sich Europas Branchenprimus der schwachen Konjunktur in Europa nicht vollends entziehen, trotzdem feiern die Niedersachsen Erfolg um Erfolg. Das honoriert auch die Börse: VW wird mit sage und schreibe 70 Milliarden Euro bewertet; die Vorzugsaktie markierte erst kürzlich ein neues Allzeithoch. Der Vergleich führt den Absturz von Peugeot noch viel drastischer vor Augen als der mit Freenet. Volkswagen ist über vierzig Mal so viel wert wie der französische Konkurrent.

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Kommentare (1 aus 1)

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    • Einen wesentlichen Unterschied zwischen PSA/Peugeot und Freenet gibt es aber doch, auch wenn man ihn der Aktie nicht ansieht: Die hiesige Industrie erarbeitet jenes Geld, mit dem Kunden dann erst in der Lage sind, Produkte von Firmen wie Freenet zu erwerben. (Primärer/Sekundärer/Tertiärer Sektor!)

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